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Indikationen

Cannabis bei Erkrankungen: Anwendungsgebiete und Studienlage

Welche Erkrankungen lassen sich mit medizinischem Cannabis begleiten? Überblick zu Anwendungsgebieten, Studienlage und ärztlicher Einordnung in Deutschland.

Aktualisiert
2026-04-28
Lesezeit
8 Minuten
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Cannabis bei Erkrankungen: Anwendungsgebiete und Studienlage

Cannabis bei Erkrankungen ist seit der Gesetzesänderung 2017 fester Teil der deutschen Versorgung — und gleichzeitig ein Thema voller offener Fragen. Welche Indikationen sind wissenschaftlich gut belegt, wo sind die Daten noch dünn, und wie ordnen Leitlinien medizinisches Cannabis ein? Dieser Überblick fasst zusammen, was bei den wichtigsten Krankheitsbildern bekannt ist — von chronischen Schmerzen über Multiple Sklerose bis Schlafstörungen — und zeigt, wann eine ärztliche Prüfung sinnvoll sein kann. Die Wirkstoffe THC und CBD stehen dabei im Mittelpunkt.

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Cannabis bei Erkrankungen: Was die Forschung heute zeigt

Medizinisches Cannabis ist in Deutschland seit März 2017 ein verschreibungsfähiges Arzneimittel. Mit dem Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher Vorschriften wurde der Rahmen geschaffen, dass approbierte Ärzt:innen Cannabisblüten, Cannabisextrakte sowie die Wirkstoffe Dronabinol oder Nabilon verordnen können — auch zulasten der gesetzlichen Krankenkassen, wenn die Voraussetzungen nach § 31 Abs. 6 SGB V erfüllt sind.

Vom Nischenthema zur ärztlichen Option

Lange war Cannabis als Medizin in Deutschland ein Sonderfall. Das änderte sich 2017. Seitdem hat sich die Versorgung deutlich entwickelt: Patient:innen werden heute mit Cannabisblüten, Cannabisextrakten, Dronabinol oder Fertigarzneimitteln behandelt. Die Forschungslandschaft wächst, qualitativ hochwertige klinische Studien bleiben aber rar.

Wirkprinzip über das Endocannabinoid-System

Cannabinoide wirken nicht zufällig im Körper. Sie greifen in das Endocannabinoid-System (ECS) ein, ein körpereigenes Regulationssystem mit den Rezeptoren CB1 und CB2, körpereigenen Botenstoffen wie Anandamid (AEA) und 2-Arachidonylglycerol (2-AG) sowie den passenden Enzymen. Das ECS moduliert Stimmung, Schmerzwahrnehmung, Appetit, Stress und Immunreaktionen. Vereinfacht: CB1 sitzt vorwiegend im Nervensystem, CB2 im Immunsystem.

THC ist ein Partialagonist an CB1 und CB2 und vermittelt die meisten zentralnervösen Effekte, einschließlich der psychotropen Wirkung. CBD wirkt nicht psychotrop, hat eine geringe Affinität zu CB1 und CB2 und entfaltet seine Effekte zusätzlich über Bindungsstellen wie Serotonin- und TRPV-Rezeptoren. Beide Cannabinoide werden in der Therapie eingesetzt, einzeln oder kombiniert. Quellen: Zou und Kumar 2018; Pertwee 2008

Cannabis und chronische Erkrankungen — was sagt die Forschung?

Die Forschung zu medizinischem Cannabis ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, die Evidenz fällt aber je nach Krankheitsbild sehr unterschiedlich aus. Klar belegt ist ein Nutzen nur für wenige Indikationen. Bei vielen anderen chronischen Beschwerden gibt es Hinweise, aber keine belastbaren Beweise.

Evidenzlage bei chronischen Schmerzen

Chronische Schmerzen sind das mit Abstand häufigste Anwendungsgebiet: Laut der deutschen Begleiterhebung des BfArM werden mehr als drei Viertel aller mit Cannabisarzneimitteln behandelten Patient:innen wegen Schmerzen therapiert. Metaanalysen mit insgesamt rund 2.500 Patient:innen aus etwa 30 randomisierten Studien zeigen, dass Cannabinoide bei chronischen Schmerzen wirksam sein können — vor allem bei neuropathischen Schmerzen und schmerzhafter Spastik bei Multipler Sklerose, weniger bei nozizeptiven Schmerzen. In Leitlinien gelten Cannabinoide bei neuropathischen Schmerzen als Substanzen der dritten Wahl, nach Antidepressiva und Antikonvulsiva. Quellen: Whiting et al. 2015; Karst und Passie 2018; Fitzcharles et al. 2016; Mu et al. 2017

Auffällig dabei: Die Effekte zeigen sich oft weniger bei der reinen Schmerzintensität, sondern eher beim Schmerzaffekt — also wie belastend der Schmerz erlebt wird. In einer Kohortenstudie mit über 1.000 Patient:innen ging die Schmerzintensität nach zwölf Monaten um 20 % zurück, Schlafstörungen, Angst und depressive Symptome besserten sich deutlich stärker. Quellen: De Vita et al. 2018; Aviram, Pud et al. 2021

Cannabis als Begleittherapie

In der Praxis kommen Cannabisarzneimittel meist als ergänzende Therapie zum Einsatz, wenn Standardbehandlungen nicht ausreichen. Bei neuropathischen Schmerzen wird ein Add-on-Versuch mit Cannabinoiden empfohlen, wenn andere Verfahren zu wenig gelindert haben. Auch in der Onkologie können Cannabinoide bei chemotherapie-bedingter Übelkeit und Erbrechen sowie bei Appetitverlust eine Option sein, wenn etablierte Mittel versagen. Die BfArM-Begleiterhebung zeigt, dass bei rund 70 % der erfassten Fälle die Lebensqualität subjektiv besser eingeschätzt wurde — ein Hinweis, der wegen fehlender Kontrollgruppe vorsichtig zu interpretieren ist. Quellen: Whiting et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017; Häuser et al. 2017

Grenzen der aktuellen Studienlage

Trotz wachsender Forschung bleibt die Datenbasis in vielen Bereichen dünn. Eine systematische Sichtung von über 2.100 Publikationen kam zu dem Schluss, dass nur für wenige Indikationen — chemotherapie-bedingte Übelkeit, chronische Schmerzen, Spastik bei MS — belastbare Belege vorliegen. Bei gastrointestinalen, neurologischen und psychischen Erkrankungen sind die Ergebnisse inkonsistent. Limitierend wirken die geringe Zahl randomisierter Studien, die hohe Heterogenität der Studiendesigns, kurze Beobachtungszeiträume und ein ausgeprägter Placeboeffekt. Für eine fundierte Bewertung sind weitere klinische Studien notwendig. Quellen: Hoch, Schneider et al. 2017; Karst und Passie 2018

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Symptome im Überblick: Wann Cannabis lindern kann

Cannabis wird in der Praxis weniger als Mittel gegen "eine Krankheit" eingesetzt, sondern gegen einzelne, oft krankheitsübergreifende Symptome. In der BfArM-Begleiterhebung ist Schmerz mit über 76 % aller Fälle die mit Abstand häufigste Hauptdiagnose, gefolgt von Spastik, Anorexie/Wasting sowie Übelkeit und Erbrechen.

Schmerz

Bei chronischen Schmerzen, insbesondere neuropathischen Schmerzen und schmerzhafter Spastik bei Multipler Sklerose, gilt eine Wirksamkeit von Cannabinoiden als wahrscheinlich. Auffällig: Cannabinoide reduzieren häufig stärker den Schmerzaffekt ("wie sehr es belastet") als die reine Schmerzintensität. Quellen: Whiting et al. 2015; NASEM 2017; De Vita et al. 2018

Schlaf

Cannabinoide werden in Übersichtsarbeiten als möglicherweise wirksam bei Schlafstörungen eingestuft, vor allem wenn diese im Rahmen chronischer Schmerzen oder Fibromyalgie auftreten. Quellen: Whiting et al. 2015; NASEM 2017

Übelkeit und Appetitlosigkeit

Bei chemotherapieinduzierter Übelkeit und Erbrechen liegt die belastbarste Evidenz vor; bei Appetitmangel und Kachexie ist die Datenlage uneinheitlich. Quellen: Whiting et al. 2015; Tramèr et al. 2001; NASEM 2017

Innere Unruhe und Anspannung

Reduktionen von Ängsten wurden in Studien zu Schmerz, MS, Tourette-Syndrom und PTBS beobachtet. Eine abschließende Bewertung steht aus, weil die Studienqualität sehr unterschiedlich ist. Quellen: Whiting et al. 2015; Black et al. 2019; Sarris et al. 2020

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Erkrankungen im Überblick

Medizinisches Cannabis wird in Deutschland in zahlreichen Indikationen verordnet. Die Begleiterhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zeigt, welche Erkrankungen am häufigsten zur Verordnung führen und wo die Studienlage steht. Die folgenden Beiträge ordnen die Forschung zu jeder Erkrankung sachlich ein. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022

Cannabis bei chronischen Schmerzen

Chronische Schmerzen sind die mit Abstand häufigste Diagnose bei Cannabisverordnungen in Deutschland. Wir ordnen die Studienlage zu neuropathischen, nozizeptiven und gemischten Schmerzbildern ein und zeigen, wie Cannabinoide in die Schmerztherapie passen.

Cannabis bei ADHS

Die Studienlage zu Cannabis bei ADHS ist überschaubar, die Praxisberichte sind zahlreich. Wir fassen zusammen, was kontrollierte Studien zeigen und warum Leitlinien Cannabis hier aktuell nicht empfehlen.

Cannabis bei Depression

Endocannabinoid-System und Stimmungsregulation hängen eng zusammen — die klinische Evidenz für Cannabis bei Depression bleibt aber dünn. Was die Forschung weiß und wo sie schweigt.

Cannabis bei Epilepsie

Bei seltenen kindlichen Epilepsieformen wie Dravet- und Lennox-Gastaut-Syndrom ist CBD durch RCTs belegt. Wir erklären, wo die Wirksamkeit klar ist und wo die Forschung weitergehen muss.

Cannabis bei Migräne

Die Hypothese eines „Clinical Endocannabinoid Deficiency" rückt Migräne in den Fokus der Cannabis-Forschung. Was kontrollierte Studien und Patient:innen-Berichte zur Wirksamkeit zeigen.

Cannabis bei Multipler Sklerose

Bei MS-bedingter Spastik ist das THC/CBD-Mundspray Nabiximols als Add-on zugelassen. Wir ordnen Zulassungsstudien, BfArM-Daten und die Rolle von Cannabis im Behandlungspfad ein.

Cannabis bei PTBS

Trauma-Verarbeitung läuft auch über das Endocannabinoid-System. Wie belastbar die Evidenz für Cannabis bei posttraumatischer Belastungsstörung ist und wo die Grenzen liegen.

Cannabis bei Schlafstörungen

Schlafprobleme treten häufig in Begleitung chronischer Schmerzen oder Fibromyalgie auf — genau hier ist die Studienlage zu Cannabinoiden am dichtesten. Was Forschung und Versorgungspraxis zeigen.

Welche Studienlage gibt es zu Cannabis als ergänzender Behandlung?

Die Evidenz zu medizinischem Cannabis ist breit, aber sehr unterschiedlich in der Qualität. Sie reicht von Metaanalysen randomisierter kontrollierter Studien (RCT) über Beobachtungsstudien bis zu Fallserien. Wichtig zu wissen: Eine reine Datenerhebung wie die BfArM-Begleiterhebung kann keine Wirksamkeit im Sinne klinischer Studien belegen, sie liefert aber Hinweise zu Anwendungsgebieten und Sicherheit aus der Praxis. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022

Hochwertige Evidenz: wo sie existiert

Am belastbarsten ist die Studienlage bei chronischen, vor allem neuropathischen Schmerzen, bei Spastik im Rahmen Multipler Sklerose sowie bei chemotherapieinduzierter Übelkeit und Erbrechen und appetitstimulierenden Effekten bei HIV/AIDS. Die systematische Übersichtsarbeit von Whiting et al. zeigte für pflanzliche Cannabinoide eine Verbesserung der Schmerzlinderung um etwa 40 % gegenüber Kontrollbedingungen über 28 RCT mit rund 2.450 Teilnehmenden. Für CBD ist die antiepileptische Wirkung bei seltenen kindlichen Epilepsien (Lennox-Gastaut, Dravet) durch RCT belegt. Quellen: Whiting et al. 2015; NASEM 2017; Devinsky et al. 2016, 2017

Eingeschränkte Evidenz und offene Fragen

Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Tourette-Syndrom, Depression, posttraumatischer Belastungsstörung, Demenz oder Huntington bleibt die Studienlage dünn. Häufig liegen nur kleine RCT, Beobachtungsstudien oder Fallserien vor, oft mit methodischen Schwächen wie unzureichender Verblindung, kleinen Fallzahlen oder fehlenden Kontrollgruppen. Ein Cochrane-Review zu Cannabinoiden bei Demenz fand nur geringe klinisch bedeutsame Effekte auf neuropsychiatrische Symptome. Quellen: Bosnjak Kuharic et al. 2021; Hillen et al. 2019; Naftali et al. 2013, 2017, 2019; NASEM 2017

Leitlinien und Empfehlungen in Deutschland

In Deutschland regelt § 31 Abs. 6 SGB V die Verordnung zulasten der gesetzlichen Krankenkassen. Für die Verordnung sind keine RCT-Ergebnisse zwingend nötig, aber „objektivierbare und überprüfbare Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft", also mindestens publizierte positive Fallserien. Die S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie" ordnet Cannabinoide als Drittlinientherapie bei Tumorkachexie und Geschmacksstörungen ein. Eine systematische Sichtung von über 2.100 Publikationen (CaPRis) sieht klare Evidenz nur für wenige Indikationen. Quellen: Arends et al. 2015; Hoch et al. 2017

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Wann eine Verschreibung medizinisch sinnvoll ist

Eine Verordnung kommt nach den gesetzlichen Vorgaben in Betracht, wenn eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt, übliche Standardtherapien nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden, und eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Wirkung auf Krankheitsverlauf oder Symptome besteht. Die Therapieverantwortung liegt vollständig bei der behandelnden Ärzt:in. Cannabis ist dabei in aller Regel keine Erstlinientherapie.

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Quellen (27)

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Medizinischer Haftungsausschluss

Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der Information und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den aktuellen Stand der Forschung, nicht das individuelle Ansprechen einer bestimmten Patient:in. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung in Betracht. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärzt:in oder Apotheker:in.