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Cannabis bei Epilepsie: Was die Studienlage zu CBD bei Anfällen zeigt
Rund 30 Prozent aller Menschen mit Epilepsie sprechen auf klassische Medikamente nicht ausreichend an. Genau in dieser Lücke wird Cannabis bei Epilepsie diskutiert, vor allem das Cannabinoid Cannabidiol (CBD). Dieser Artikel ordnet ein, was die aktuelle Forschung zu medizinischem Cannabis wirklich zeigt: für welche Anfallsformen es belastbare Daten gibt, welches Arzneimittel in Europa zugelassen ist und wo die Grenzen der Evidenz liegen — als Teil unserer Indikationen-Übersicht; siehe auch Cannabis bei Multipler Sklerose und chronischen Schmerzen.
Verfasst von
HealGreen Redaktionsteam
Zuverlässige und geprüfte medizinische Informationen, zusammengestellt von unserem Redaktionsteam und Apotheken
Epilepsie verstehen: Anfallsformen, Ursachen und Therapieziele
Epilepsie ist keine einzelne Krankheit, sondern eine Gruppe neurologischer Störungen mit einer gemeinsamen Eigenschaft: einer krankhaft erhöhten Neigung zu Anfällen. Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung ist betroffen, womit Epilepsie zu den häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen zählt. Sie kann fortschreitend verlaufen und ist potenziell lebensbedrohlich, die Sterblichkeit liegt im Mittel zwei- bis dreimal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Hinzu kommen häufige psychiatrische und somatische Begleiterkrankungen. Quellen: Sander 2003; Fisher et al. 2005; de Boer et al. 2008
Schon früh wurde über eine antiepileptische Wirkung von Cannabinoiden spekuliert, weil das Endocannabinoidsystem (ECS) im Gehirn eine zentrale Rolle als endogene Bremse gegen Übererregbarkeit spielt, vergleichbar mit dem GABAA-Rezeptor-System, an dem auch klassische Antiepileptika ansetzen. Quellen: Lutz 2004; Fraguas-Sánchez und Torres-Suárez 2018
Was bei einem epileptischen Anfall im Gehirn passiert
Ein epileptischer Anfall entsteht, wenn das Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Signalen im Gehirn aus dem Lot gerät. Nervenzellen feuern plötzlich synchron und unkontrolliert. Sichtbar wird das je nach betroffener Hirnregion sehr unterschiedlich: als motorische Krämpfe, als kurzer Bewusstseinsverlust, als ungewöhnliche Sinneseindrücke oder als kaum wahrnehmbares „Wegtreten". Quellen: Lutz 2004
Hinter diesen klinischen Anfällen steht ein längerer Prozess, den die Forschung Epileptogenese nennt: der zunächst symptomlose Weg, auf dem ein gesundes Gehirn epileptisch wird. Schon bevor der erste Anfall auftritt, lassen sich Veränderungen nachweisen. Die elektrische Erregbarkeit einzelner Neuronen verschiebt sich, neue Verschaltungen entstehen, bestehende Netzwerke werden umorganisiert. Wiederkehrende, hypersynchrone Entladungen rekrutieren immer mehr Hirnareale in einen epileptogenen Schaltkreis, bis das beteiligte Areal groß genug ist, um klinisch sichtbare Anfälle hervorzurufen. Auch Gliazellen verändern dabei ihre Funktion. In einigen Fällen sind sogar die Wanderungswege von Nervenzellen während der frühen Hirnentwicklung gestört, was später zu übererregbaren Hirnrindennetzwerken führen kann. Quellen: Chang und Lowenstein 2003; Engel und Pedley 2008; Pitkänen und Lukasiuk 2011; Steinhäuser und Seifert 2002; Sisodiya 2004
Ein zweiter wichtiger Baustein ist die Genetik. Schätzungsweise 40 Prozent der Patient:innen mit idiopathischer oder symptomatischer Epilepsie weisen eine genetische Veranlagung auf. Auffällig: Fast alle Gene, die bisher mit Epilepsie in Verbindung gebracht werden, codieren Untereinheiten spannungs- oder ligandengesteuerter Ionenkanäle. Veränderungen an diesen Kanälen, sogenannte Channelopathien, kippen das Gleichgewicht zwischen erregender und hemmender Signalübertragung im Zentralnervensystem. Quellen: Gardiner 2000; Berkovic et al. 2006; Graves 2006; Rees 2010
Das ECS greift genau an dieser Schaltstelle ein. CB1-Rezeptoren sitzen präsynaptisch an nahezu jeder Synapse im Gehirn. Wenn ein Neuron stark stimuliert wird, schüttet es Endocannabinoide aus, die rückwärts (retrograd) an den CB1-Rezeptor andocken und so die Freisetzung weiterer Botenstoffe wie Glutamat oder GABA dämpfen. Das ECS funktioniert wie ein Filter, der vor allem dann eingreift, wenn neuronale Systeme aus ihrer normalen Balance geraten, ein Mechanismus, der in Analogie zu Antiepileptika auch als „use dependence" beschrieben wird: Je stärker die pathologische Übererregung, desto ausgeprägter die hemmende Wirkung. Quellen: Katona und Freund 2008; Moreira und Lutz 2008
Fokale und generalisierte Anfälle im Überblick
Die International League Against Epilepsy (ILAE) hat 2010 eine Klassifikation vorgelegt, die bis heute die Grundlage der klinischen Einordnung bildet. Sie unterscheidet zwei große Kategorien.
Generalisierte Anfälle. Bei dieser Form beginnt die epileptische Aktivität an einem Punkt im Gehirn, breitet sich aber sehr rasch über beide Hirnhälften aus. Die ILAE unterteilt sie in drei Untergruppen: genetische Formen mit erblicher Komponente, strukturell/metabolische Formen, die auf einer nachweisbaren Auffälligkeit beruhen (etwa nach Schädel-Hirn-Trauma oder bei tuberöser Sklerose), sowie Formen mit unbekannter Ursache, hinter denen entweder ein noch nicht identifizierter Gendefekt oder eine andere, bislang nicht diagnostizierte Erkrankung steht.
Fokale Anfälle. Hier bleibt die epileptische Aktivität auf einen umschriebenen Hirnbereich oder eine einzelne Hemisphäre begrenzt. Die ILAE verzichtet auf strenge Unterkategorien und beschreibt fokale Anfälle stattdessen klinisch, etwa danach, ob das Bewusstsein erhalten bleibt. Quellen: ILAE 2010 (Berg et al.); Fisher et al. 2005
Welche Anfallsform jemand entwickelt, hängt eng mit Lebensalter und Ursache zusammen. Epilepsien, die in Kindheit, Jugend oder im jungen Erwachsenenalter beginnen, gehen häufig auf angeborene, entwicklungsbedingte oder genetische Ursachen zurück. Epilepsien nach Kopfverletzung, ZNS-Infektion oder Hirntumor können in jedem Alter auftreten. Bei älteren Menschen sind zerebrovaskuläre Erkrankungen der häufigste Risikofaktor. In Regionen, in denen Malaria tropica oder die Neurozystizerkose endemisch sind, spielen außerdem Infektionskrankheiten als Auslöser eine Rolle. Quellen: Sander 2003, 2004; Duncan et al. 2006; Cloyd et al. 2006; Banerjee und Hauser 2008
Diese Vielfalt erklärt, warum es „die" Therapie der Epilepsie nicht gibt. Was bei einer fokalen Epilepsie nach Schädel-Hirn-Trauma sinnvoll ist, kann bei einer schweren genetischen Frühform im Kindesalter wirkungslos bleiben. Genau hier setzen die Diskussionen um Cannabinoide an, insbesondere CBD. Das einzige in Europa zugelassene CBD-Fertigarzneimittel ist nicht generell als Antiepileptikum freigegeben, sondern gezielt als Add-on-Therapie bei zwei seltenen, schweren Anfallsformen, dem Lennox-Gastaut- und dem Dravet-Syndrom, sowie bei tuberöser Sklerose. Quellen: Devinsky et al. 2016, 2017; Tzadok, Uliel-Siboni et al. 2016
Wann gilt eine Epilepsie als therapieresistent?
Für viele Patient:innen lässt sich Epilepsie heute gut behandeln. Allein in Großbritannien sind über 20 Antiepileptika zugelassen. Üblicherweise beginnt die Therapie mit einem einzelnen Wirkstoff, einer sogenannten Monotherapie. Etwa 50 Prozent der Patient:innen erreichen damit eine anhaltende Anfallsfreiheit. Versagt die Erstlinientherapie, schaffen weitere zehn Prozent mit einem alternativen Antiepileptikum die Anfallskontrolle. Quellen: Kwan und Brodie 2000a, 2000b; Stephen und Brodie 2009; Schachter 2007
Diese Zahlen klingen zunächst beruhigend, haben aber eine ernüchternde Kehrseite: Etwa 30 Prozent der Menschen mit Epilepsie erleben anhaltend nicht beherrschbare Anfälle, unabhängig davon, welche Antiepileptika sie einnehmen. Über den gesamten Krankheitsverlauf werden rund 50 Prozent aller Patient:innen letztlich refraktär, also unzureichend ansprechend auf medikamentöse Therapien. Die Fachsprache nennt diesen Zustand Pharmakoresistenz oder therapieresistente Epilepsie. Quellen: Kwan und Brodie 2000a, 2007; Sander 1993
Hinzu kommt, dass alle bisher zugelassenen Antiepileptika Nebenwirkungen haben, die sich oft mit den Begleiterscheinungen der Epilepsie selbst überlagern: emotionale Instabilität, kognitive Einschränkungen, Beeinträchtigung der Motorik. Aus diesem Grund besteht ein erheblicher klinischer Bedarf an neuen, wirksamen und besser verträglichen Substanzen. In dieser Lücke werden Cannabinoide diskutiert, vor allem CBD. Quellen: Martin 2013
Wichtig: Die antiepileptische Wirkung der beiden Hauptcannabinoide unterscheidet sich grundlegend. THC zeigte in Tiermodellen protektive Effekte, die auf einer CB1-vermittelten Erregungshemmung beruhen, klinisch sind die Daten jedoch widersprüchlich. Einzelne Beobachtungsstudien beschreiben antiepileptische Effekte als Ergänzung zu klassischen Antiepileptika, andere fanden keinen Vorteil. Insgesamt wird der Einsatz von THC-dominierten medizinischen Cannabinoiden bei Epilepsie aktuell nicht weiterverfolgt. Bei CBD dagegen ist die krampfsenkende Wirkung in mehreren klinischen Studien belegt, vor allem bei therapieresistenten kindlichen Epilepsiesyndromen. In den Zulassungsstudien zum CBD-Fertigarzneimittel konnten bei schwerstkranken Kindern, die mit der herkömmlichen Polymedikation austherapiert waren, motorische Krämpfe im Schnitt um 36,5 Prozent reduziert werden. Quellen: Mortati, Dworetzky et al. 2007; Hamerle, Ghaeni et al. 2014; Devinsky et al. 2016, 2017
Klinisch gilt eine Epilepsie als therapieresistent, wenn zwei angemessen ausgewählte und in adäquater Dosis eingesetzte Antiepileptika, ob als Mono- oder Kombinationstherapie, keine anhaltende Anfallsfreiheit erreichen. Erst dann werden alternative Therapieoptionen relevant: epilepsiechirurgische Eingriffe, Vagusnervstimulation, ketogene Diät, und in eng umrissenen Fällen Cannabinoide. Bei Kindern mit bereits vorhandenen schweren neurologischen Störungen, die an therapieresistenten Epilepsien und damit verbundenen Schmerzen leiden, kann nach klinischer Einschätzung der Vorteil einer Symptomlinderung gegenüber möglichen Risiken überwiegen, eine Abwägung, die immer individuell von einer behandelnden Ärzt:in getroffen werden muss. Quellen: Devinsky et al. 2017; Gottschling, Ayonrinde et al. 2020
Damit ist auch klar, in welchem Rahmen sich die Diskussion um Cannabis bei Epilepsie bewegt: nicht als Ersatz für Standardtherapien, sondern als mögliche Add-on-Option in genau definierten Konstellationen, vor allem bei schweren, sonst nicht ausreichend behandelbaren Anfallsformen.
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Cannabis bei Epilepsie: Wirkmechanismus von CBD und THC am Endocannabinoid-System
Das Endocannabinoid-System wirkt im Gehirn wie eine körpereigene Bremse gegen Übererregung, ähnlich dem GABA-System. Über CB1-Rezeptoren an Nervenzellen drosselt es die Ausschüttung erregender Botenstoffe wie Glutamat. CB2-Rezeptoren sitzen vor allem auf Immun- und Gliazellen und sind für die Anfallskontrolle weniger relevant. THC wirkte im Tiermodell über CB1 antikonvulsiv, klinisch sind die Daten widersprüchlich, der Einsatz wird derzeit nicht weiter verfolgt. CBD zeigt dagegen in mehreren klinischen Studien eine belegbar krampfsenkende Wirkung, auf einem komplexen Weg jenseits der klassischen CB-Rezeptoren. Quellen: Katona und Freund 2008; Fraguas-Sánchez und Torres-Suárez 2018; Mortati et al. 2007; Hamerle et al. 2014; Tzadok et al. 2016; Devinsky et al. 2017
Epidyolex: Das zugelassene CBD-Arzneimittel gegen Epilepsie
Wenn es um Cannabidiol bei Epilepsie geht, gibt es in Europa genau ein zugelassenes Fertigarzneimittel: Epidyolex. Es enthält hochreines, aus der Cannabispflanze gewonnenes CBD und ist speziell für seltene, schwer behandelbare Epilepsieformen geprüft. Weil es sich um ein zugelassenes Arzneimittel mit klar definiertem Anwendungsgebiet handelt, ist die namentliche Nennung im wissenschaftlichen Kontext zulässig, anders als bei Magistralrezepturen, die individuell in der Apotheke hergestellt werden.
Zulassungsstatus in Deutschland und Europa
Epidyolex wurde im Juni 2018 zunächst in den USA zugelassen. Im September 2019 folgte die europäische Arzneimittelagentur (EMA) mit einer zentralen Zulassung, die in allen EU-Mitgliedstaaten gilt, also auch in Deutschland. Damit ist Epidyolex aktuell eines von nur drei in Europa zugelassenen cannabisbasierten Fertigarzneimitteln, neben Sativex und Canemes. Für Cannabisblüten selbst gibt es in der EU bis heute keine Fertigarzneimittel-Zulassung, sie werden ausschließlich als Rezeptur- oder Defekturarzneimittel abgegeben. Quellen: Rausch 2019; Müller 2019
Für welche Patient:innen Epidyolex infrage kommt
Die Zulassung ist eng gefasst. Das Mittel ist als Begleitbehandlung in Verbindung mit Clobazam zugelassen, und zwar bei Anfällen im Zusammenhang mit dem Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) und dem Dravet-Syndrom (DS) bei Patient:innen ab zwei Jahren. Beide sind seltene, schwere kindliche Epilepsieformen mit hoher Krankheitslast. Außerhalb dieser Indikationen, etwa bei erwachsenen Epilepsie-Patient:innen, gibt es bislang kaum belastbare Erfahrungen mit reinem CBD. Die FDA hat CBD zusätzlich einen Orphan-drug-Status für die tuberöse Sklerose (TSC) gewährt. Die Zulassung beruht maßgeblich auf den Studien von Devinsky et al., in denen motorische Krämpfe bei austherapierten, schwerstkranken Kindern im Schnitt um rund 36,5 Prozent reduziert werden konnten. Quellen: Devinsky et al. 2016; Devinsky et al. 2017; Rausch 2019
Wechselwirkungen mit klassischen Antiepileptika
CBD ist kein harmloser Wirkstoff, sondern greift messbar in den Stoffwechsel anderer Medikamente ein. Besonders relevant ist die Kombination mit Clobazam, einem häufig eingesetzten Antiepileptikum: CBD hemmt das Enzym CYP2C19 und erhöht dadurch die Plasmaspiegel des aktiven Clobazam-Metaboliten Norclobazam um das Drei- bis Fünffache. Umgekehrt steigert Clobazam selbst die CBD-Spiegel mäßig um etwa 50 Prozent, vermutlich über UDP-Glycosyltransferasen. Auch andere Substrate von CYP2C9 und CYP2C19, etwa Brivaracetam, Diclofenac oder Warfarin, können unter CBD-Komedikation in höheren Konzentrationen vorliegen. Solche Interaktionen müssen ärztlich überwacht werden, oft inklusive Kontrolle der Leberwerte. Dosierungs- und Anpassungsfragen gehören deshalb immer in die Hand der behandelnden Ärzt:in. Quellen: Franco und Perucca 2019; Bouquié, Deslandes et al. 2018; Lucas, Galettis et al. 2018
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Studienlage: Was klinische Studien zu CBD bei epileptischen Anfällen zeigen
Die krampfsenkende Wirkung von CBD ist in mehreren klinischen Studien belegt. Den entscheidenden Schritt zur Zulassung des CBD-Fertigarzneimittels machten die Studien von Devinsky und Kolleg:innen. Quellen: Tzadok, Uliel-Siboni et al. 2016; Devinsky et al. 2016, 2017
Randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) im Überblick
In einer doppelblinden, placebo-kontrollierten Studie zum Dravet-Syndrom erhielten 120 Kinder und junge Erwachsene zusätzlich zu im Mittel drei Antiepileptika entweder 20 mg CBD pro Kilogramm Körpergewicht oder Placebo. In einer weiteren RCT zum Lennox-Gastaut-Syndrom wurden 171 Patient:innen im Alter von 2 bis 55 Jahren über 14 Wochen mit CBD oder Placebo als Add-on behandelt. Quellen: Devinsky et al. 2017; Devinsky, Patel et al. 2018
Reduktion der Anfallsfrequenz: Was die Daten sagen
Bei schwerstkranken Kindern, die mit herkömmlicher Polymedikation austherapiert waren, wurden motorische Krämpfe im Schnitt um 36,5 Prozent reduziert. Im Dravet-RCT sank die mediane Häufigkeit konvulsiver Anfälle pro Monat unter CBD von 12,4 auf 5,9, unter Placebo von 14,9 auf 14,1; fünf Prozent der CBD-Gruppe wurden anfallsfrei. Beim Lennox-Gastaut-Syndrom reduzierte CBD die Sturzanfälle um median 43,9 Prozent gegenüber 21,8 Prozent unter Placebo. Quellen: Devinsky et al. 2017; Devinsky, Patel et al. 2018
Grenzen der Evidenz und offene Forschungsfragen
Die Daten stammen überwiegend von Kindern mit therapieresistenten Epilepsie-Syndromen unter Polymedikation. Jenseits dieser Zulassungen gibt es bislang keine belastbare Erfahrung mit CBD bei erwachsenen Epilepsie-Patient:innen. Eine Studie zu Cannabidivarin (CBDV) ergab keinen Vorteil gegenüber Placebo. Auch frühere Untersuchungen lieferten teils negative Ergebnisse, etwa eine sechsmonatige Studie mit 3 × 100 mg CBD ohne Effekt auf die Anfallsfrequenz. Quellen: Brodie, Czapinski et al. 2021; WHO CBD Critical Review 2018
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Besondere Indikationen: Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut und tuberöse Sklerose
Dravet-Syndrom: Frühkindliche Epilepsie mit hoher Therapieresistenz
Das Dravet-Syndrom ist eine seltene, früh beginnende Epilepsie mit medikamentenresistenten Anfällen und hoher Sterblichkeit. In einer placebokontrollierten Studie an 120 Kindern und Jugendlichen sank die Häufigkeit konvulsiver Anfälle unter CBD im Median von 12,4 auf 5,9 pro Monat (Placebo: 14,9 auf 14,1). Quellen: Devinsky et al. 2017
Lennox-Gastaut-Syndrom: Schwere Anfälle im Kindesalter
Bei dieser kindlichen Epilepsie-Enzephalopathie mit Sturzanfällen reduzierte CBD als Add-on die Sturzanfälle im Median um 43,9 Prozent gegenüber 21,8 Prozent unter Placebo. Quellen: Devinsky et al. 2017
Tuberöser Sklerose-Komplex (TSC) als weitere Indikation
Für TSC-bedingte Anfälle erteilte die FDA CBD einen Orphan-Drug-Status; jenseits dieser seltenen Syndrome fehlen kontrollierte Daten bei Erwachsenen. Quellen: Fraguas-Sánchez und Torres-Suárez 2018
Nebenwirkungen und Sicherheit von Cannabinoiden bei Epilepsie
Cannabinoide sind keine wirkungslosen Substanzen, das gilt auch für CBD. Wer eine Therapie erwägt, sollte das Nebenwirkungsprofil kennen. CBD und THC haben dabei sehr unterschiedliche Risikoprofile.
Häufige Nebenwirkungen von CBD
In den klinischen Studien zu CBD bei Epilepsie traten am häufigsten Müdigkeit, Sedierung, Schwindel, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Diarrhö auf. Auch psychisches Unwohlsein wird beschrieben. In den Zulassungsstudien zum CBD-Fertigarzneimittel kam es zudem zu Fieber, Somnolenz und in Einzelfällen zu vermehrten Krampfanfällen, bis hin zum Status epilepticus. Diese Beobachtungen stammen jedoch aus einem Kollektiv schwerstkranker Kinder mit umfangreicher Begleitmedikation. Quellen: Bergamaschi et al. 2011; Iffland und Grotenhermen 2017; Devinsky et al. 2017; Devinsky et al. 2018; Franco und Perucca 2019
Leberwerte und Monitoring
Eine dosisabhängig häufige Nebenwirkung von CBD ist die Erhöhung der Leber-Transaminasen. Für das CBD-Fertigarzneimittel gilt ein Anstieg der Transaminasen auf mehr als das Dreifache beziehungsweise der Bilirubin-Werte auf mehr als das Doppelte der oberen Normgrenze als Kontraindikation. Regelmäßige Laborkontrollen gehören deshalb zur Therapie. Auch Wechselwirkungen sind relevant: CBD hemmt verschiedene CYP-Enzyme und kann unter anderem die Plasmaspiegel von Norclobazam deutlich erhöhen, was Sedierung und Müdigkeit verstärken kann. Die Kombination wird engmaschig ärztlich überwacht. Quellen: Huestis, Solimini et al. 2019; Franco und Perucca 2019; Devinsky et al. 2018
Risiken durch THC-haltige Präparate
THC unterscheidet sich deutlich von CBD. Typische dosisabhängige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Tachykardie sowie Beeinflussung von Gedächtnis und Aufmerksamkeit. In höheren Dosierungen können Angst, Paranoia oder psychotische Reaktionen auftreten. Besonders bei Kindern und Jugendlichen mit nicht abgeschlossener Hirnreifung gilt THC als kritisch, eine strenge Indikationsstellung ist hier Standard. Genau deshalb wird THC in der Epilepsietherapie heute nicht weiter verfolgt, zumal mit CBD eine wirksame Alternative existiert. Eine Therapie mit Cannabinoiden erfolgt immer in Absprache mit der behandelnden Ärzt:in. Quellen: Beaulieu, Boulanger et al. 2016; Grotenhermen und Häußermann 2017; Fraguas-Sánchez und Torres-Suárez 2018
Rolle der Ärzt:in: Wie eine Therapie-Entscheidung bei Epilepsie zustande kommt
Eine Behandlung mit Cannabinoiden bei Epilepsie ist kein Standardweg, sondern eine sorgfältig geprüfte Einzelfall-Entscheidung. Die Verantwortung liegt immer bei der behandelnden Ärzt:in.
Wann Cannabinoide als Add-on geprüft werden
Cannabinoide kommen bei Epilepsie typischerweise als Zusatztherapie in Betracht, wenn etablierte Antiepileptika nicht ausreichend wirken. Das zugelassene CBD-Fertigarzneimittel ist ausdrücklich als Begleitbehandlung in Verbindung mit Clobazam beim Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom indiziert. Voraussetzung für eine Kostenübernahme jenseits der Zulassung ist eine schwerwiegende Erkrankung, das Fehlen oder Versagen einer Standardtherapie und eine plausible Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung. Quellen: Devinsky et al. 2017; Devinsky et al. 2018
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Dokumentation und Verlaufskontrolle
Die Therapieentscheidung wird ebenso dokumentiert wie der weitere Verlauf. Form, Dosis und Anpassungen bestimmt die behandelnde Ärzt:in individuell, immer unter Berücksichtigung deiner Begleitmedikation, möglicher Wechselwirkungen und der Anfallskontrolle. Bei CBD-Komedikation gehören regelmäßige Laborkontrollen, vor allem der Leberwerte, zum Standard.
Quellen (44)
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Medizinischer Haftungsausschluss
Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der Information und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den aktuellen Stand der Forschung, nicht das individuelle Ansprechen einer bestimmten Patient:in. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung in Betracht. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärzt:in oder Apotheker:in.

