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Cannabis bei Schlafstörungen: Was die Studienlage zeigt

Cannabis bei Schlafstörungen: Was Studien zu THC und CBD belegen, wann eine Cannabis-Therapie infrage kommt und wie die ärztliche Prüfung abläuft.

Aktualisiert
2026-04-28
Lesezeit
13 Minuten
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Cannabis bei Schlafstörungen: Was die Studienlage zeigt

Schlecht einschlafen, nachts wachliegen, morgens erschöpft aufstehen — Schlafprobleme gehören zu den häufigsten Beschwerden, mit denen Patient:innen nach medizinischem Cannabis fragen. Dieser Leitfaden ordnet die wissenschaftliche Studienlage zu THC und CBD bei Schlafstörungen ein, erklärt die Rolle des Endocannabinoid-Systems und beschreibt, wann eine Cannabis-Therapie ärztlich infrage kommt — und wann nicht. Teil unserer Indikationen-Übersicht; siehe auch Schlafprobleme als Symptom und chronische Schmerzen als die häufigste Komorbidität — Bausteine eines fundierten Bilds rund um medizinisches Cannabis.

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Zuverlässige und geprüfte medizinische Informationen, zusammengestellt von unserem Redaktionsteam und Apotheken

Schlafstörungen: Definition, Formen und Häufigkeit

Schlafstörungen sind keine Befindlichkeit, sondern eine medizinisch klar beschriebene Gruppe von Erkrankungen. Wer einordnen will, ob Cannabis als Therapieoption sinnvoll sein kann, sollte zuerst die Diagnose im Blick haben.

Was sind Schlafstörungen?

Schlafstörungen sind in der International Classification of Sleep Disorders (ICSD) als Erkrankungen mit charakteristischen Mustern in EEG und EMG während des Schlafs beschrieben. Sie betreffen das Einschlafen, das Durchschlafen, die Tagesmüdigkeit oder den geordneten Ablauf einzelner Schlafphasen. Aktuelle Klassifikationen unterscheiden Insomnien, schlafbezogene Atmungsstörungen, Parasomnien, schlafbezogene Bewegungsstörungen und Störungen des zirkadianen Rhythmus. Quellen: American Academy of Sleep Medicine (ICSD); Sateia 2014

Insomnie, Hypersomnie und Parasomnien

Die ICSD definiert Insomnie als Dyssomnie mit zu wenig oder nicht erholsamem Schlaf, oft begleitet von innerer Unruhe, Reizbarkeit, Angst und Tagesmüdigkeit. Somnolenz — also übermäßige Tagesschläfrigkeit — entsteht häufig sekundär, etwa durch Medikamente oder eine obstruktive Schlafapnoe. Parasomnien sind Störungen des Aufwachens oder des Übergangs zwischen Schlafstadien, zum Beispiel ungewöhnliches Verhalten oder Träume während des Schlafs. Quellen: Pigeon und Cribbet 2012; Pagel 2009

Wie verbreitet sind Schlafstörungen?

Belastbare deutsche Bevölkerungszahlen liefern die hier ausgewerteten Quellen nicht direkt. International ist das Bild aber deutlich: In den USA berichten zwischen 50 und 70 Millionen Erwachsene über eine Form von Schlafstörung; allein Insomnie führte 2010 zu rund 5,5 Millionen Arztbesuchen. In der deutschen Begleiterhebung des BfArM zu medizinischem Cannabis ist „Insomnie/Schlafstörung" bei 0,9 % der Fälle die Hauptdiagnose — Schlafprobleme treten also meist als Begleitsymptom anderer Erkrankungen auf. Quellen: ASA 2016; Ford et al. 2014; BfArM-Begleiterhebung 2022

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Endocannabinoid-System und Schlaf-Wach-Rhythmus

Warum Cannabis überhaupt am Schlaf etwas verändern kann, lässt sich am Endocannabinoid-System (ECS) ablesen. Es ist im Körper an vielen Stellen aktiv und wirkt vereinfacht als ein neurovegetatives Entspannungs- und Erholungssystem, das hilft, das innere Gleichgewicht zu halten. Quellen: Patel, Hill et al. 2017; Katona und Freund 2008

CB1- und CB2-Rezeptoren im Gehirn

Das ECS hat zwei zentrale Andockstellen: CB1 und CB2. CB1-Rezeptoren gehören zu den am häufigsten vorkommenden Rezeptoren im Gehirn. Sie sitzen unter anderem im Hippocampus, im Hypothalamus, im Hirnstamm und in der Amygdala — also genau in Regionen, die für Stress, Emotionen und den Schlaf-Wach-Rhythmus eine Rolle spielen. CB1 wirkt wie eine Bremse: Wenn Nervenzellen zu stark feuern, dämpft CB1 die Freisetzung von Botenstoffen wie Glutamat, GABA, Serotonin, Dopamin oder Noradrenalin. CB2-Rezeptoren sitzen im Gehirn vor allem auf Glia- und Immunzellen und sind eher für Entzündungsprozesse zuständig. Quellen: Kano, Ohno-Shosaku et al. 2009; Cristino, Bisogno et al. 2020

Anandamid und 2-AG als körpereigene Botenstoffe

Der Körper bildet bei Bedarf eigene Botenstoffe, die an CB1 und CB2 binden — sogenannte Endocannabinoide. Die wichtigsten sind Anandamid (AEA) und 2-Arachidonylglycerol (2-AG). AEA ist der dominante Ligand für CB1, 2-AG bindet an CB1 und CB2. Beide werden nicht auf Vorrat gespeichert, sondern erst dann gebildet, wenn eine Synapse stark aktiviert ist, und anschließend rasch wieder abgebaut. Quellen: Baggelaar, Maccarrone et al. 2018; Habib, Okorokov et al. 2019

Wie das ECS Schlafphasen mitreguliert

Der Schlaf-Wach-Rhythmus entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer Hirnkerne und Neurotransmitter: Glutamat, Noradrenalin, Dopamin, Serotonin, Acetylcholin, Histamin und Hypocretin halten uns wach, GABA und weitere Lipidmediatoren fördern den Schlaf. In dieses Netzwerk greift das ECS modulierend ein, indem CB1 die Ausschüttung dieser Botenstoffe dämpft. Das erklärt, warum Cannabinoide Schlaf, Stress und Stimmung beeinflussen können. Präzise klinische Aussagen zu einzelnen Schlafphasen sind aus dieser Grundlagenforschung allein aber nicht ableitbar. Quellen: Murillo-Rodríguez et al. 2009; Murillo-Rodríguez et al. 2012

Studienlage zu Cannabis und Schlafstörungen

Schlaf ist eines der häufigsten Themen, wenn Patient:innen über medizinisches Cannabis sprechen. Die wissenschaftliche Datenlage ist allerdings differenzierter, als es Erfahrungsberichte vermuten lassen. Zwei Linien prägen die Forschung: Studien zu primärer Insomnie sind selten, Studien zu Schlafproblemen im Rahmen anderer Erkrankungen deutlich häufiger.

Klinische Studien zu Insomnie

Für die primäre, chronische Insomnie — also Schlafstörungen ohne erkennbare Grunderkrankung — fehlen belastbare randomisierte Studien bislang weitgehend. Ein hochwertiger systematischer Review identifizierte keine kontrollierten Studien, die Cannabinoide gezielt bei Patient:innen mit primärer chronischer Insomnie untersucht haben. Quellen: Whiting et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017

Untersucht wurden bisher vor allem einzelne Cannabinoide in kleinen Studien. Eine Crossover-Studie mit 32 Fibromyalgie-Patient:innen zeigte unter Nabilon (0,5 mg/Tag) eine stärkere Verbesserung der Insomnie und der Schlaferholung als unter dem Vergleichswirkstoff Amitriptylin (10 mg). Bei 22 Personen mit obstruktiver Schlafapnoe verbesserte Dronabinol (bis 10 mg/Tag) den Apnoe-Hypopnoe-Index. Beide Studien sind klein, die Beobachtungszeiträume kurz. Quellen: Whiting et al. 2015

Cannabis bei sekundären Schlafstörungen (Schmerz, PTBS)

Aussagekräftiger ist die Evidenz, wenn Schlafprobleme Begleitsymptom einer anderen Erkrankung sind. In einer Metaanalyse mit 19 Studien und 3.231 Teilnehmenden, überwiegend mit chronischen Schmerzen oder Multipler Sklerose, zeigten Cannabinoide gegenüber Placebo kleine, aber statistisch messbare Verbesserungen von Schlafqualität und Schlafstörung. Die Effekte stützten sich vor allem auf Studien zu Nabiximols. Quellen: Whiting et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017

Auch bei chronischen Schmerzen scheint nicht nur die Schmerzintensität entscheidend. In einer prospektiven Kohortenstudie mit über 1.000 Schmerzpatient:innen sank die Schmerzintensität nach zwölf Monaten Cannabinoid-Therapie um rund 20 %, Schlafstörungen reduzierten sich um etwa 33 %. Übersichtsarbeiten weisen darauf hin, dass Cannabinoide besonders bei einer Insomnie im Kontext chronischer Schmerzen oder eines Fibromyalgie-Syndroms hilfreich sein können. Quellen: Aviram, Pud et al. 2021; Whiting et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017

Bei der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) richtet sich der Fokus oft auf Albträume und gestörten Schlaf. Eine kleine placebokontrollierte Cross-over-Studie an kanadischen Militärangehörigen zeigte unter Nabilon (bis 3 mg/Tag) eine signifikante Verbesserung von Albträumen und klinischem Gesamteindruck. Eine offene Studie mit zweimal täglich 5 mg THC verbesserte bei zehn PTBS-Patient:innen Schlafqualität, Albträume und Hyperarousal. In einer retrospektiven Analyse von 47 PTBS-Patient:innen besserten sich unter Nabilon bei 72 % die Albträume, teilweise auch Schlafdauer und -qualität. Quellen: Jetly, Heber et al. 2015; Roitman, Mechoulam et al. 2014; Cameron, Watson et al. 2014

In der deutschen Begleiterhebung des BfArM zur Cannabisverschreibung wurde Insomnie als Hauptdiagnose nur in rund 0,9 % der Fälle genannt. In der Praxis sind Schlafprobleme also überwiegend ein Begleitsymptom — am häufigsten bei chronischen Schmerzen, die mit über drei Vierteln aller Fälle die mit Abstand häufigste Indikation darstellen. Quellen: BfArM-Begleiterhebung 2022

Limitationen der aktuellen Forschung

So vielversprechend einzelne Befunde wirken: Die Studienlage hat klare Grenzen. Viele Studien sind klein, kurz und methodisch heterogen. In der genannten Schlaf-Metaanalyse wurden 11 von 19 Studien mit hohem Verzerrungsrisiko („high risk of bias") eingestuft, weitere 6 mit unklarem Risiko. Die beobachteten Verbesserungen lagen im Bereich kleiner Effekte auf einer 10-Punkte-Skala. Quellen: Whiting et al. 2015

Hinzu kommt: Schlaf wurde in vielen Studien nur als sekundärer Endpunkt erfasst, nicht als eigentliche Forschungsfrage. Für die PTBS gilt die Datenlage als uneinheitlich und teils widersprüchlich; epidemiologische Studien zeichnen ein gemischtes Bild von positiven und negativen Effekten. Quellen: Abizaid, Merali et al. 2019; Wilkinson, Stefanovics et al. 2015

THC wirkt dosisabhängig auf den Schlaf: Niedrige Dosen können die Einschlafzeit verkürzen, höhere sie verlängern. Auch der Tiefschlaf wird beeinflusst. Klare Aussagen ohne individuelle ärztliche Begleitung sind deshalb schwierig. Quellen: Garcia und Salloum 2015

Unterm Strich: Cannabinoide können bei schlafbezogenen Beschwerden im Kontext anderer Erkrankungen moderate, kurzfristige Verbesserungen bringen. Für die isolierte chronische Insomnie sind sie wissenschaftlich noch nicht ausreichend untersucht. Ob eine Behandlung sinnvoll ist, prüft im Einzelfall die behandelnde Ärzt:in.

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Welche Cannabinoide und Terpene werden in der Forschung untersucht?

Cannabis enthält über 150 Cannabinoide und mehr als 200 weitere flüchtige Stoffe, vor allem Terpene. Für den Schlaf relevant sind nur wenige davon — und der Erkenntnisstand unterscheidet sich von Wirkstoff zu Wirkstoff erheblich.

THC und Schlafarchitektur

Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) ist das mengenmäßig wichtigste psychotrope Cannabinoid und stimuliert die CB1-Rezeptoren im Gehirn. Bereits in den 1970er-Jahren zeigten Studien an Menschen, dass tägliche Dosen von 70–210 mg THC schlafanstoßend wirken können; im Tierversuch reduzierte THC die kortikale Wachaktivität. Quellen: Freemon 1982; Pivik et al. 1972; Feinberg et al. 1975, 1976; Buonamici et al. 1982

CBD: Beruhigung statt Sedierung

Cannabidiol (CBD) wirkt nicht psychotrop und gilt eher als anxiolytisch. Die Datenlage zum Schlaf ist allerdings widersprüchlich: Frühe Arbeiten beschrieben einerseits eine Schlafreduktion, andererseits eine Schlafverbesserung bei Insomnie-Patient:innen. Neuere Befunde deuten darauf hin, dass CBD wachheitsfördernd wirken kann und im Tiermodell die Wachphasen verlängert. Indirekt verbesserte CBD den Schlaf in Fallberichten zu Angst- und PTBS-Patient:innen — vermutlich über die Reduktion von Anspannung, nicht über direkte Sedierung. Quellen: Monti 1977; Carlini und Cunha 1981; Nicholson et al. 2004; Murillo-Rodríguez et al. 2006, 2008, 2011; Shannon 2016

Terpene wie Myrcen und Linalool

β-Myrcen ist das in Cannabis am häufigsten vorkommende Terpen und wird mit dem sogenannten „couch-lock"-Effekt in Verbindung gebracht — einer narkotisch-sedierenden Wirkung. Linalool, vor allem aus Lavendel bekannt, gilt als anxiolytisch; in einer Inhalationsstudie an Mäusen reduzierte es die Bewegungsaktivität um 73 %. Quellen: Rao, Menezes et al. 1990; Buchbauer, Jirovetz et al. 1993; Lewis, Russo et al. 2018

CBN — der „Schlaf-Cannabinoid"-Mythos

CBN (Cannabinol) wird im Internet oft als „Schlafcannabinoid" beworben. In der hier gesichteten medizinischen Fachliteratur findet sich dafür kein belastbarer klinischer Beleg. Das heißt nicht, dass CBN unwirksam ist — es heißt, dass die wissenschaftliche Datenlage für eine Schlafindikation aktuell sehr dünn ist und Marketingaussagen vorsichtig zu bewerten sind.

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Konventionelle Behandlungsansätze bei Schlafstörungen

Bevor medizinisches Cannabis ins Spiel kommt, gibt es etablierte Therapien, die in Leitlinien als erste Wahl gelten. Cannabis ist keine Erstlinien-Option, sondern wird in der Regel erst dann erwogen, wenn andere Wege ausgeschöpft sind oder nicht ausreichend wirken.

Schlafhygiene und kognitive Verhaltenstherapie (CBT-I)

Die Basis jeder Insomnie-Behandlung ist nicht-medikamentös. Dazu gehört die Schlafhygiene mit regelmäßigen Schlaf- und Wachzeiten. Als wichtigste Maßnahme gilt, einen festen Schlaf-Wach-Rhythmus an sieben Tagen pro Woche beizubehalten.

Ergänzend hat sich die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT-I) als wirksamer Ansatz etabliert. Sie ist neben der medikamentösen Therapie eine der zentralen Behandlungsoptionen bei Schlafstörungen und wird in der Regel zuerst empfohlen, weil sie ohne Nebenwirkungen wie Toleranz oder Abhängigkeit auskommt. Quellen: Mitchell et al. 2012; Bastien 2011; Morin und Benca 2012; Riemann und Perlis 2009

Pflanzliche Mittel und Melatonin

Vor verschreibungspflichtigen Schlafmitteln greifen viele Betroffene zu frei verkäuflichen Optionen — etwa pflanzlichen Präparaten oder Melatonin. Die uns vorliegenden wissenschaftlichen Quellen machen für diesen Schritt keine konkreten Wirksamkeitsaussagen, weshalb wir hier bewusst keine eigene Bewertung formulieren. Wenn du unsicher bist, ob solche Mittel für dich passen, ist ein Gespräch mit deiner Hausärzt:in der sinnvollste erste Schritt. Erst wenn diese niedrigschwelligen Maßnahmen nicht greifen, rücken stärkere Optionen in den Blick.

Verschreibungspflichtige Schlafmittel

Auf der medikamentösen Seite gelten Benzodiazepin-Rezeptor-Agonisten sowie Nicht-Benzodiazepin-Hypnotika (sogenannte Z-Substanzen wie Zolpidem) als wirksam in der kurzfristigen Behandlung der Insomnie. Wichtig ist das Wort „kurzfristig": Beide Substanzgruppen sind mit klar dokumentierten Nebenwirkungen verbunden — insbesondere mit dem Risiko der Abhängigkeit und der Toleranzentwicklung, wenn sie länger eingenommen werden. Quellen: Mitchell et al. 2012; Bastien 2011; Morin und Benca 2012; Riemann und Perlis 2009

Aus genau diesem Grund suchen Patient:innen und behandelnde Ärzt:innen häufig nach Alternativen, wenn eine Schlafstörung chronisch wird oder die Nebenwirkungen der Standardtherapie zu belastend sind. An dieser Stelle wird die Studienlage zu Cannabinoiden für viele relevant — als ergänzende Option, nicht als Ersatz für eine sorgfältige Diagnostik.

Wie Ärzt:innen über eine Cannabis-Therapie bei Schlafstörungen entscheiden

Cannabis ist in Deutschland ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel. Eine Therapie ist deshalb kein Wunsch, den du dir „abholst", sondern eine ärztliche Entscheidung, die an klare medizinische und rechtliche Kriterien gebunden ist. Das gilt auch in der Telemedizin.

Voraussetzungen für eine Verschreibung

Damit eine gesetzliche Krankenkasse die Kosten übernimmt, müssen nach § 31 Abs. 6 SGB V drei Bedingungen kumulativ erfüllt sein: Es liegt eine schwerwiegende Erkrankung vor, eine allgemein anerkannte Standardtherapie steht nicht zur Verfügung oder kann im Einzelfall nicht angewendet werden, und es besteht eine „nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome". Schlafstörungen sind dabei selten die alleinige Indikation; Hinweise auf eine Wirksamkeit von Cannabinoiden bei Insomnie im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen oder Fibromyalgie finden sich aber in Übersichtsarbeiten. Quellen: Whiting et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017; Hoch, Schneider et al. 2017

Verordnen darf Cannabisarzneimittel jede approbierte Ärzt:in, unabhängig von der Fachrichtung. Auf Privatrezept ohne Kostenübernahme durch die Krankenkasse entfällt das Genehmigungsverfahren — die medizinischen Kriterien einer sorgfältigen Prüfung gelten aber weiterhin.

Individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung

Eine Cannabis-Therapie wird nie schematisch verordnet. Die Ärzt:in wägt individuell ab: Wie ausgeprägt sind die Beschwerden? Welche Behandlungen wurden bisher versucht — und mit welchem Erfolg? Welche anderen Erkrankungen oder Medikamente bestehen, die zu Wechselwirkungen oder erhöhtem Nebenwirkungsrisiko führen könnten?

Die Dosierung erfolgt patientenindividuell und folgt dem Prinzip „start low — go slow — keep low". Ein höheres Nebenwirkungsrisiko besteht unter anderem bei älteren Menschen, bei Polypharmazie und bei Patient:innen ohne Cannabis-Vorerfahrung. Cannabinoide sind ausdrücklich kein Wundermittel: Belege für eine Wirksamkeit liegen nur für wenige Indikationen in ausreichender Qualität vor, und auch der Placeboeffekt spielt in Studien zu Cannabisarzneimitteln eine bedeutende Rolle. Quellen: MacCallum und Russo 2018; Brunetti, Pichini et al. 2020

Ablauf bei HealGreen

Der Prozess bei HealGreen ist asynchron und rein schriftlich — keine Videosprechstunde, kein Telefonat.

  1. Digitaler Fragebogen (ca. 3 Minuten): Du beantwortest strukturierte Fragen zu Symptomen, Vorerkrankungen, bisherigen Therapien und aktuellen Medikamenten.
  2. Ärztliche Prüfung: Eine approbierte deutsche Ärzt:in prüft deine Angaben im Rahmen einer telemedizinischen Fernbehandlung. Bei Rückfragen erhältst du eine schriftliche Rückmeldung.
  3. Entscheidung: Bei medizinischer Eignung wird ein E-Rezept ausgestellt. Sieht die Ärzt:in keine medizinische Indikation, wird kein Rezept ausgestellt — das ist ausdrücklich Teil einer seriösen Prüfung.
  4. Partnerapotheke & Lieferung: Einlösung über eine deutsche Partnerapotheke, diskrete, geruchsdichte Lieferung in 24–28 Stunden in Glasbehältern.

Risiken, Nebenwirkungen und wichtige Hinweise

Cannabisarzneimittel gelten bei sachgerechtem Einsatz und ärztlicher Kontrolle als vergleichsweise sichere Wirkstoffe. Nebenwirkungen sind aber häufig, und nicht jede Person ist medizinisch geeignet.

Mögliche Nebenwirkungen

Die häufigsten unerwünschten Wirkungen sind dosisabhängig und meist vorübergehend. In der Begleiterhebung des BfArM mit über 10.000 Datensätzen wurden vor allem Müdigkeit (rund 15 %), Schwindel (rund 10 %), Schläfrigkeit, Übelkeit, Mundtrockenheit, Appetitsteigerung und Aufmerksamkeitsstörungen gemeldet. Seltener traten psychische Effekte wie Wahrnehmungsstörungen, Wahnvorstellungen oder Suizidgedanken auf — diese sind ernst zu nehmen, auch bei niedrigen Dosen. Viele Effekte betreffen die Vigilanz, was insbesondere bei älteren Menschen die Sturzgefahr erhöhen kann. Quellen: Cremer-Schaeffer 2019; Schmidt-Wolf und Cremer-Schaeffer 2019; Ware, Wang et al. 2015

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Pharmakokinetische Interaktionen über die Leberenzyme CYP3A4 und CYP2C sind beschrieben, im klinischen Alltag aber meist gering ausgeprägt. Klinisch relevanter sind pharmakodynamische Effekte: THC und CBD können die Wirkung von Sedativa, Schlaf- und Beruhigungsmitteln, Antidepressiva oder blutdrucksenkenden Medikamenten verstärken. CBD wiederum kann die Spiegel von Wirkstoffen wie Clobazam, Warfarin oder dem Immunsuppressivum Tacrolimus deutlich erhöhen. Wenn du regelmäßig Medikamente einnimmst, ist diese Information für die ärztliche Prüfung entscheidend. Quellen: Stott, White et al. 2013; Leino, Emoto et al. 2019; Franco und Perucca 2019

Wann Cannabis nicht infrage kommt

Für THC-haltige Cannabisarzneimittel gelten drei zentrale Kontraindikationen: Schwangerschaft und Stillzeit, schwere psychische Erkrankungen (insbesondere Schizophrenie und Psychosen) sowie ein Alter unter 18 Jahren beziehungsweise eine nicht abgeschlossene Hirnreifung. Eine strenge Indikationsstellung wird zusätzlich bei schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, instabilem Blutdruck und schweren Leberfunktionsstörungen empfohlen. Auch bei Suchterkrankungen ist Vorsicht geboten, weil ein bestehendes Suchtverhalten verstärkt werden kann. Eine Selbstmedikation ohne ärztliche Begleitung ist in keinem dieser Fälle vertretbar — die Eignung wird im Rahmen der telemedizinischen Fernbehandlung individuell durch eine deutsche Ärzt:in geprüft. Quellen: Beaulieu, Boulanger et al. 2016; Grotenhermen und Häußermann 2017

Quellen (55)

FAQ

Häufige Fragen zu Cannabis bei Schlafstörungen

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Weiterführend

Weitere Infos

Medizinischer Haftungsausschluss

Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der Information und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den aktuellen Stand der Forschung, nicht das individuelle Ansprechen einer bestimmten Patient:in. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung in Betracht. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärzt:in oder Apotheker:in.