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Indikationen

Cannabis bei Schmerzen: Was die Studienlage zu chronischen Schmerzen zeigt

Hilft Cannabis bei Schmerzen wirklich, und wie belastbar ist die Evidenz? Dieser Ratgeber ordnet die Studienlage zu Cannabis und chronischen Schmerzen sachlich ein.

Aktualisiert
2026-04-28
Lesezeit
16 Minuten
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Cannabis bei Schmerzen: Was die Studienlage zu chronischen Schmerzen zeigt

Hilft Cannabis bei Schmerzen wirklich, und wie belastbar ist die Evidenz dazu? Dieser Ratgeber ordnet die Studienlage zu Cannabis und chronischen Schmerzen ein: von den Wirkmechanismen am Endocannabinoid-System über die wichtigsten Reviews bis zur Frage, wie eine cannabisbasierte Therapie ärztlich begleitet wird — als Teil unserer Indikationen-Übersicht; siehe auch Cannabis bei MS-Spastik und Migräne. Die Wirkstoffe THC und CBD stehen dabei im Mittelpunkt — als Bausteine von medizinischem Cannabis.

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Cannabis bei Schmerzen: Worum es in diesem Ratgeber geht

Chronischer Schmerz ist die mit Abstand häufigste Diagnose, bei der in Deutschland Cannabisarzneimittel eingesetzt werden: Bei mehr als drei Vierteln der erfassten Patient:innen lag eine chronische Schmerzerkrankung zugrunde. Wir schauen, was die Forschung zu Cannabis bei Schmerzen belegt, wie Cannabinoide auf das körpereigene Schmerzsystem wirken und wo medizinisches Cannabis im Vergleich zu anderen Therapien steht. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022

Für wen dieser Artikel gedacht ist

Der Ratgeber richtet sich an Menschen, die seit Längerem mit chronischen Schmerzen leben und sich fragen, ob eine cannabisbasierte Therapie für sie infrage kommt. Auch Angehörige und Interessierte, die einen seriösen Überblick suchen, sind hier richtig. Die Begleiterhebung des BfArM zeigt: Patient:innen, die in Deutschland mit Cannabisarzneimitteln behandelt werden, leiden im Median bereits seit acht Jahren an ihrer Erkrankung. Cannabis kommt also typischerweise dann ins Spiel, wenn andere Therapien nicht ausreichend gewirkt oder zu starke Nebenwirkungen verursacht haben. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022

Was du hier nicht findest: Heilversprechen und Dosierungen

Wir machen keine Heilversprechen. Die Studienlage zeigt, dass Cannabinoide bei chronischen Schmerzen mäßig bis moderat wirken können, vor allem bei neuropathischen Schmerzen und schmerzhafter Spastik bei Multipler Sklerose. Bei nozizeptiven Schmerzen ist die Evidenz schwächer. Konkrete Dosierungsempfehlungen findest du hier ebenfalls nicht: Die individuelle Einstellung gehört in die Hände der behandelnden Ärzt:in, die nach dem Prinzip „start low, go slow, keep low" titriert. Quellen: Whiting et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017; Karst und Passie 2018

Chronische Schmerzen: eine medizinische Einordnung

Bevor die Studienlage zu Cannabis sinnvoll wird, lohnt ein Blick auf das, was Schmerzmediziner:innen unter „chronischem Schmerz" verstehen. Nur so wird klar, warum die Forschung so differenziert urteilt.

Akut vs. chronisch

Akuter Schmerz ist ein Warnsignal: Er zeigt eine Verletzung oder Entzündung an und verschwindet, wenn die Ursache abklingt. Chronisch wird Schmerz, wenn er über Monate anhält und seine Warnfunktion verloren hat. In der BfArM-Begleiterhebung lag die mittlere Erkrankungsdauer vor Beginn einer Cannabistherapie bei acht Jahren. Viele Patient:innen leben also bereits sehr lange mit ihren Beschwerden. Quellen: BfArM Begleiterhebung 2022

Nozizeptive, neuropathische und nozizplastische Schmerzen

Grob unterscheidet die Medizin drei Schmerzarten:

  • Nozizeptive Schmerzen entstehen durch Gewebeschädigung, etwa bei Arthrose oder nach Operationen.
  • Neuropathische Schmerzen entstehen durch eine Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems, zum Beispiel bei Polyneuropathie oder Multipler Sklerose.
  • Nozizplastische Schmerzen entstehen ohne klar fassbare Gewebe- oder Nervenschädigung; vermutet wird eine veränderte zentrale Schmerzverarbeitung, etwa bei Fibromyalgie.

Mischbilder sind häufig. Die Unterscheidung ist klinisch wichtig, weil Cannabinoide bei neuropathischen Schmerzen tendenziell günstiger abschneiden als bei klassisch nozizeptiven Beschwerden. Quellen: Fitzcharles, Baerwald et al. 2016

Warum chronische Schmerzen schwer zu behandeln sind

Chronischer Schmerz ist selten ein rein körperliches Phänomen. In spezialisierten Schmerzeinrichtungen finden sich bei rund 70 % der Patient:innen Traumata und bei bis zu 30 % das Vollbild einer Posttraumatischen Belastungsstörung, gegenüber etwa 7 % in der Allgemeinbevölkerung. Schmerzintensität und Schmerzaffekt, also das erlebte „Leiden", laufen außerdem nicht parallel: Manche Therapien verändern weniger die Stärke als die Wahrnehmung des Schmerzes. Quellen: Åkerblom, Perrin et al. 2017; De Vita, Moskal et al. 2018

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Das Endocannabinoid-System und seine Rolle bei der Schmerzverarbeitung

Dein Körper hat ein eigenes „Cannabinoid-System": das Endocannabinoid-System (ECS). Es besteht aus Rezeptoren, körpereigenen Botenstoffen und den Enzymen, die diese Botenstoffe bilden und wieder abbauen. Das ECS reguliert unter anderem Stimmung, Stress, Schlaf, Appetit und eben auch Schmerz. Vereinfacht arbeitet es wie eine neurochemische Bremse, die zu starke Nervensignale dämpft, bevor sie aus dem Ruder laufen.

CB1- und CB2-Rezeptoren

Im Zentrum stehen zwei Rezeptortypen: CB1 und CB2. CB1 ist der dominante Rezeptor im Nervensystem und gehört zu den am häufigsten vorkommenden Rezeptoren im Gehirn. Besonders dicht sitzt er im Hippocampus, in den Basalganglien, im limbischen System und in den Kerngebieten der Schmerzbahn. Seine Aufgabe: Er hemmt die Erregbarkeit von Nervenzellen, drosselt die Ausschüttung von Botenstoffen wie Glutamat oder GABA und wirkt so wie ein Filter gegen übersteuerte Signale.

CB2 ist dagegen vor allem ein Immun-Rezeptor. Er sitzt auf Immunzellen, auf Mikroglia im Nervensystem und, interessant für die Schmerzforschung, auch auf den Keratinozyten der Haut. Unter Entzündung, Schmerzen und Nervenverletzungen wird CB2 hochreguliert. Über CB2 lassen sich Entzündungsprozesse dämpfen, und er kann zur Ausschüttung von körpereigenem β-Endorphin führen, was schmerzlindernd wirkt. Quellen: Kano, Ohno-Shosaku et al. 2009; Hashiesh, Sharma et al. 2021; Ibrahim, Porreca et al. 2005

Endogene Cannabinoide: Anandamid und 2-AG

Dein Körper bildet selbst Stoffe, die an CB1 und CB2 binden, die sogenannten Endocannabinoide. Die zwei wichtigsten heißen Anandamid (AEA) und 2-Arachidonylglycerol (2-AG). Sie werden nicht auf Vorrat gespeichert, sondern bei Bedarf direkt aus Membranbestandteilen gebildet und nach kurzer Zeit wieder abgebaut: AEA vor allem über das Enzym FAAH, 2-AG vor allem über MAGL.

AEA ist der wichtigste körpereigene Ligand für CB1; der Name leitet sich vom Sanskrit-Wort „ananda" (Glückseligkeit) ab. 2-AG ist der wichtigste Ligand für CB2 und kommt im Gehirn in deutlich höherer Konzentration vor als AEA. Beide gelten als potente endogene Schmerzhemmer: 2-AG wirkt analgetisch über CB1, CB2 und zusätzlich über den TRPV1-Kanal. Bei chronischen Schmerzpatient:innen wurden Veränderungen dieses Systems beschrieben, etwa eine reduzierte Expression der CB-Rezeptoren oder eine kompensatorisch hochregulierte ECS-Aktivität, die als endogene Schmerzabwehr interpretiert wird. Quellen: Schlosburg, Blankman et al. 2010; Vučković, Srebro et al. 2018; Habib, Okorokov et al. 2019

Wo im Körper Schmerz moduliert wird

Das ECS ist auf praktisch jeder Etage der Schmerzbahn aktiv: peripher, im Rückenmark und im Gehirn.

  • Peripher, an Nervenendigungen und auf Hautzellen, dämpfen CB1- und CB2-Rezeptoren entzündungsbedingte Reize. CB2 auf Keratinozyten kann über β-Endorphin sogar Hitzeschmerzen abschwächen — ein Effekt, der durch den Opioid-Blocker Naloxon aufgehoben wird.
  • Im Rückenmark, vor allem im spinalen Hinterhorn, drosseln CB1-Rezeptoren die Weiterleitung nozizeptiver Signale.
  • Im Gehirn wirkt das ECS auf mehreren Ebenen: Es aktiviert absteigende Schmerzhemmbahnen (z. B. über das periaquäduktale Grau), dämpft die zentrale Stressantwort und verändert über das limbische System, wie unangenehm ein Schmerz empfunden wird. Bildgebende Studien zeigen, dass Cannabinoide eher den emotionalen Anteil des Schmerzes („wie schlimm fühlt sich das an") reduzieren als die reine Schmerzintensität.

Das ECS ist außerdem eng mit dem körpereigenen Opioidsystem verzahnt. CB- und Opioidrezeptoren beeinflussen sich gegenseitig, was die Grundlage für den im Tierversuch beobachteten Opioid-Einspareffekt bildet. Quellen: Walker, Huang et al. 1999; Lee, Ploner et al. 2013; De Vita, Moskal et al. 2018; Vučković, Srebro et al. 2018

Wichtig zur Einordnung: Dass das ECS Schmerz beeinflusst, ist gut belegt. Wie stark sich diese Mechanismen mit von außen zugeführten Cannabinoiden therapeutisch nutzen lassen, ist eine andere Frage. Die nächste Sektion schaut sich die klinische Studienlage genauer an.

Studienlage zu Cannabis bei chronischen Schmerzen

Die Forschung zu medizinischem Cannabis bei chronischen Schmerzen ist umfangreich, aber nicht einheitlich. Über rund 30 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit etwa 2.500 Patient:innen wurde die Wirksamkeit von Cannabinoiden geprüft. Der NASEM-Report von 2017 kommt zum Schluss, dass es substanzielle Evidenz dafür gibt, dass Cannabis bei chronischen Schmerzen erwachsener Patient:innen wirksam ist. Mehrere Metaanalysen beschreiben den Effekt als eher moderat: Pflanzliche Cannabinoide erhöhen die Chance auf eine relevante Schmerzlinderung gegenüber Placebo um rund 40 Prozent. Quellen: NASEM 2017; Whiting et al. 2015; Karst, Wippermann et al. 2010

Evidenz bei neuropathischen Schmerzen

Am intensivsten untersucht sind neuropathische Schmerzen, also Nervenschmerzen. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen für ein THC/CBD-Mundspray (Nabiximols) eine externe Evidenz mit moderater bis geringer Qualität. Eine Metaanalyse mit individuellen Patientendaten von 178 Personen ergab für inhaliertes Cannabis eine signifikante Schmerzlinderung gegenüber Placebo. Leitlinien führen Cannabinoide deshalb bei neuropathischen Schmerzen meist als Option der dritten Wahl, also nach Antidepressiva und Antikonvulsiva, im Sinne einer Add-on-Therapie, wenn andere Verfahren nicht ausreichend helfen. Quellen: Petzke, Enax-Krumova et al. 2016; Meng, Johnston et al. 2017; Mücke, Phillips et al. 2018; Andreae, Carter et al. 2015; Häuser, Fitzcharles et al. 2017; Mu, Weinberg et al. 2017

Evidenz bei Tumor- und Palliativschmerzen

Bei Tumorschmerzen ist die Datenlage schwächer. Eine Metaanalyse von Häuser, Welsch und Kolleg:innen sowie der Cochrane-Review von Mücke, Phillips et al. 2018 bewerten die Wirksamkeit von Cannabispräparaten in der Palliativversorgung als nicht sicher belegt. Eine offene Langzeitstudie mit Patient:innen mit chronischen Krebsschmerzen über bis zu 579 Tage fand jedoch keine Hinweise auf Wirkungsverlust oder Dosissteigerung unter einem THC/CBD-Mundspray. In Deutschland werden chronische Schmerzen bei schweren Erkrankungen wie Krebs als Indikation anerkannt, in der eine cannabisbasierte Therapie geprüft werden kann; die Belege sprechen dabei überwiegend für eine leichte Schmerzreduktion gegenüber Placebo. Quellen: Häuser, Welsch et al. 2019; Mücke, Phillips et al. 2018; Johnson, Lossignol et al. 2013; Hoch, Schneider et al. 2017

Evidenz bei muskuloskelettalen und gemischten Schmerzen

Bei nozizeptiven Schmerzen wie Rückenschmerzen, Osteoarthrose, rheumatoider Arthritis oder Fibromyalgie ist die Evidenz deutlich schwächer als bei Nervenschmerzen. Fitzcharles, Baerwald und Kolleg:innen kommen in ihrer systematischen Übersicht zu RCTs zu dem Schluss, dass Cannabinoide bei rheumatischen Erkrankungen kaum sicher belegte Effekte auf die reine Schmerzintensität zeigen. Eine prospektive Kohortenstudie mit über 1.000 chronischen Schmerzpatient:innen ergab nach zwölf Monaten Cannabinoidtherapie einen Rückgang der Schmerzintensität um 20 Prozent, während Schlafstörungen, Angst, Depression und der Verbrauch von Morphinäquivalenten deutlich stärker zurückgingen, Letztere um 42 Prozent. Bei schmerzhafter Spastik im Rahmen einer Multiplen Sklerose gilt die Wirksamkeit dagegen als belegt; das THC/CBD-Mundspray erhielt 2011 in Europa eine entsprechende Zulassung. Quellen: Fitzcharles, Baerwald et al. 2016; Aviram, Pud et al. 2021; Zajicek, Fox et al. 2003; Whiting et al. 2015

Limitationen der aktuellen Forschung

Die Aussagen aus Metaanalysen müssen mit Vorsicht interpretiert werden. Karst und Passie weisen auf die insgesamt geringe Zahl an RCTs und die ausgeprägte Heterogenität der eingeschlossenen Studien hin. Die Wahl der Endpunkte beeinflusst die Ergebnisse stark: Eine Metaanalyse von De Vita, Moskal und Kolleg:innen zeigte, dass Cannabinoide den Schmerzaffekt, also das emotionale Erleben, deutlich stärker reduzieren als die reine Schmerzintensität. Eine internationale Entscheidungsanalyse unter Beteiligung der EMA kommt zu dem Schluss, dass Cannabinoide vor allem die Lebensqualität verbessern und im Gesamtprofil aus Wirksamkeit und Nebenwirkungen anderen Substanzen für neuropathische Schmerzen überlegen sein können. Wichtig bleibt: Die Eignung muss individuell ärztlich geprüft werden. Quellen: Karst und Passie 2018; De Vita, Moskal et al. 2018; Nutt, Phillips et al. 2021

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THC, CBD und weitere untersuchte Cannabinoide

Wenn von „medizinischem Cannabis" die Rede ist, geht es pharmakologisch fast immer um zwei Hauptwirkstoffe: Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Beide gehören zur Gruppe der Phytocannabinoide. Cannabis enthält darüber hinaus mehr als 150 weitere Cannabinoide sowie Terpene und Flavonoide. Therapeutisch am besten untersucht sind aber THC und CBD. Quellen: Pertwee 2008; Ujváry und Hanuš 2016

THC: psychoaktiv und analgetisch

THC ist in den meisten Cannabissorten der mengenmäßig größte Inhaltsstoff und zugleich der wichtigste psychotrope Bestandteil. Pharmakologisch wirkt THC als Partialagonist an den Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2, also genau an den Schaltstellen des körpereigenen Endocannabinoid-Systems, das auch Schmerzverarbeitung und Stressreaktion mitsteuert. Quellen: Pertwee 2008

Für die Schmerztherapie ist diese Doppelrolle wichtig: THC wirkt analgetisch, hat aber dosisabhängige Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Konzentrations- und Gedächtniseffekte sowie eine leichte Tachykardie. Genau deshalb gilt in der Praxis der Grundsatz „start low, go slow": niedrig beginnen, langsam steigern, immer in Absprache mit der behandelnden Ärzt:in. Quellen: Beaulieu et al. 2016; Grotenhermen und Häußermann 2017; MacCallum und Russo 2018

CBD: nicht-berauschend, modulierend

CBD ist das mengenmäßig häufigste nicht-psychotrope Cannabinoid. Es macht nicht „high" und hat eine deutlich niedrigere Affinität zu CB1 und CB2 als THC. Stattdessen wirkt CBD über andere Bindungsstellen: 5-HT1A- und TRPV-Rezeptoren, GPR55, sowie indirekt über eine gesteigerte Endocannabinoid-Verfügbarkeit. Beschrieben sind unter anderem entzündungshemmende, anxiolytische und antipsychotische Effekte. Quellen: Pertwee 2008; Leweke et al. 2012

In Bezug auf Schmerz ist die Studienlage zu reinem CBD dünner als zu THC. CBD wird in der Schmerztherapie aktuell vor allem als Kombinationspartner und Modulator diskutiert, nicht als eigenständiges Analgetikum. Quellen: Russo und Guy 2006

Kombinationspräparate und Vollspektrum-Extrakte

Klinisch am besten untersucht ist die Kombination THC/CBD. Das Mundspray Nabiximols (Cannabis-Extrakt mit etwa gleichen Anteilen THC und CBD) ist in Europa zur Behandlung der Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen. Für neuropathische Schmerzen zeigen Metaanalysen externe Evidenz mit moderater bis geringer Qualität: Cannabinoide kommen dort als Add-on-Option in Frage, wenn andere Verfahren nicht ausreichend gewirkt haben. Quellen: Petzke et al. 2016; Meng et al. 2017; Mücke et al. 2018; Häuser et al. 2017

Bei sogenannten Vollspektrum-Extrakten ist neben THC und CBD das gesamte Inhaltsstoffspektrum der Pflanze enthalten, einschließlich Terpene und Flavonoide. Studien deuten auf einen sogenannten Entourage-Effekt hin, also eine mögliche synergistische Wirkung der Begleitstoffe. In einer Studie zu opioidresistenten Krebsschmerzen führte die zusätzliche Anwesenheit von CBD zu einer signifikanten Schmerzverbesserung um 30 % gegenüber Placebo und einem THC-reichen Extrakt ohne CBD. Quellen: Johnson et al. 2010; Russo 2011; McPartland und Russo 2001

Wichtig zur Einordnung: Die populäre Annahme, CBD könne unerwünschte THC-Effekte einfach „neutralisieren", ist nach aktuellem Stand nicht haltbar. Einzelne Studien zeigen sogar, dass CBD die psychotropen Effekte von THC verstärken kann. Welche THC/CBD-Relation für welche Schmerzsituation passt, ist eine ärztliche Einzelfallentscheidung. Quellen: Solowij et al. 2019; Arkell et al. 2019; Haney et al. 2016

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Cannabis und Opioide: Was die Forschung zur Abgrenzung sagt

Viele Menschen mit chronischen Schmerzen fragen sich, ob medizinisches Cannabis Opioide ersetzen kann. Die ehrliche Antwort der Studienlage: eher ergänzen als ersetzen, und das mit Augenmaß.

Opioid-Sparing-Effekt: aktuelle Evidenz

Mehrere Untersuchungen deuten auf einen sogenannten Opioid-Sparing-Effekt hin: Wenn Cannabinoide ergänzend gegeben werden, sinkt bei einem Teil der Patient:innen der Opioidbedarf. Eine systematische Übersichtsarbeit fasst diesen Einspareffekt für Cannabinoide zusammen, präklinische Daten zeigen zudem, dass Cannabinoide Toleranzeffekte gegenüber Opioiden abschwächen können. In einer prospektiven Kohortenstudie mit über 1.000 chronischen Schmerzpatient:innen ging der Verbrauch an Morphinäquivalenten nach zwölf Monaten um rund 42 % zurück. Quellen: Nielsen et al. 2017; Aviram, Pud et al. 2021; Smith, Selley et al. 2007

Die deutsche Begleiterhebung des BfArM zeichnet ein differenzierteres Bild: Bei Patient:innen, die mit Cannabisblüten behandelt wurden, erhielten nur 23,3 % parallel Opioide, bei Cannabisextrakten, Dronabinol und Nabiximols dagegen 36–39 %. Aus den Daten allein lässt sich nicht zweifelsfrei ableiten, dass Cannabis hier Opioide ersetzt. Möglich ist auch, dass unterschiedliche Patientengruppen unterschiedlich behandelt wurden. Quellen: BfArM-Abschlussbericht Begleiterhebung 2022

Risiken und Nebenwirkungen im Vergleich

Cannabis und Opioide haben unterschiedliche Risikoprofile. Typische Nebenwirkungen oraler Cannabisarzneimittel sind Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Übelkeit und Aufmerksamkeitsstörungen, meist dosisabhängig und reversibel. Schwerwiegende Komplikationen wie psychotische Symptome wurden nur in Einzelfällen beobachtet. Quellen: Hoch, Schneider et al. 2017; Gottschling, Ayonrinde et al. 2020

Beim Suchtpotenzial zeigt die Forschung einen klaren Unterschied: Das Suchtrisiko oral angewendeter Cannabisarzneimittel liegt nach Erfahrung deutscher Schmerztherapeut:innen und Neurolog:innen deutlich unter dem der schwachen Opioide Tramadol und Tilidin, von starken Opioiden ganz zu schweigen. Die schnelle, kickartige Dopaminfreisetzung, die Sucht antreibt, entsteht vor allem beim Inhalieren, kaum bei oraler Einnahme niedriger Dosen. Quellen: Gottschling, Ayonrinde et al. 2020; Schlag, Hindocha et al. 2021

In einer Mehrkriterien-Entscheidungsanalyse für chronische neuropathische Schmerzen schnitten cannabinoidhaltige Arzneimittel unter Berücksichtigung von Wirksamkeit, Lebensqualität und Nebenwirkungsprofil besser ab als Vergleichssubstanzen wie Duloxetin, Gabapentinoide, Amitriptylin und Opioide. Quellen: Nutt, Phillips et al. 2021

Cannabis als Add-on, nicht als Ersatz

Die Studienlage stützt Cannabis bei neuropathischen Schmerzen als Add-on-Therapie, also als Ergänzung, wenn Standardtherapien nicht ausreichen, nicht als pauschalen Opioid-Ersatz. Leitlinien führen Cannabinoide bei chronischen neuropathischen Schmerzen meist als Mittel der dritten Wahl, nach Antidepressiva und Antikonvulsiva. Ob eine cannabisbasierte Therapie für dich sinnvoll ist und wie sie sich mit einer bestehenden Schmerzmedikation verträgt, ist immer eine individuelle Entscheidung und gehört in die Hand der behandelnden Ärzt:in. Quellen: Mu, Weinberg et al. 2017; Cruccu und Truini 2017; Häuser, Fitzcharles et al. 2017

Behandlungsansätze: Wie Cannabis in die Schmerztherapie eingebettet wird

Eine cannabisbasierte Schmerztherapie ist selten ein eigenständiger „Schalter", der Schmerzen abstellt. Sie ist meist ein zusätzlicher Baustein in einem Behandlungskonzept, das schon andere Wege ausgeschöpft hat. Die Begleiterhebung des BfArM zeigt, dass Patient:innen vor Beginn einer Cannabistherapie im Median bereits acht Jahre mit ihrer Erkrankung leben, bei Cannabisblüten, Cannabisextrakten und Mundsprays sogar zehn Jahre. Quellen: BfArM-Begleiterhebung 2022

Darreichungsformen: Blüten, Extrakte, Fertigarzneimittel

In Deutschland stehen mehrere Formen zur Verfügung: getrocknete Cannabisblüten, ölige Cannabisextrakte, Dronabinol-Zubereitungen (Tropfen oder Kapseln) sowie zugelassene Fertigarzneimittel. Die Auswahl folgt der individuellen Situation, vom Beschwerdebild über die Verträglichkeit bis zur gewünschten Anwendungsform.

Pharmakologisch unterscheiden sich die Formen vor allem im Wirkeintritt und in der Wirkdauer:

  • Orale Zubereitungen (Öle, Kapseln, Mundspray) wirken später, dafür länger; sie werden bevorzugt für die Dauerbehandlung eingesetzt.
  • Inhalative Anwendung über einen Vaporisator wirkt innerhalb weniger Minuten und eignet sich daher zum Beispiel bei Durchbruchschmerzen.
  • Verbrennen in Form von Joint oder Pfeife ist medizinisch nicht vertretbar, weil dabei gesundheitsschädliche Verbrennungsprodukte entstehen. Quellen: MacCallum und Russo 2018
Übersicht der drei wichtigsten Darreichungsformen von medizinischem Cannabis: Blüten zur Inhalation, ölige Extrakte und Mundspray, mit Hinweis auf den unterschiedlichen Wirkeintritt.
Die drei häufigsten Darreichungsformen unterscheiden sich vor allem im Wirkeintritt und in der Steuerbarkeit der Dosis.

Cannabis als Teil eines multimodalen Konzepts

In Leitlinien zur Behandlung chronischer neuropathischer Schmerzen werden Cannabinoide nach Antidepressiva und Antikonvulsiva als Substanzen der dritten Wahl genannt, also als ergänzende oder Add-on-Therapie, wenn andere Verfahren nicht ausreichend lindern. Eine Add-on-Behandlung mit einem THC/CBD-Mundspray bei neuropathischen Schmerzen kann laut systematischen Übersichtsarbeiten versucht werden, wenn Standardtherapien nicht greifen. Quellen: Mu, Weinberg et al. 2017; Cruccu und Truini 2017; Petzke, Enax-Krumova et al. 2016; Meng, Johnston et al. 2017; Mücke, Phillips et al. 2018

Das Zusammenspiel mit anderen Schmerzmedikamenten ist klinisch wichtig. Daten der BfArM-Begleiterhebung zeigen, dass bei chronischen Schmerzen je nach Cannabisarzneimittel zwischen 23 % (Blüten) und 39 % (Extrakte) der Patient:innen gleichzeitig Opioide erhielten. In einer prospektiven Kohortenstudie mit über 1.000 chronischen Schmerzpatient:innen ging unter zwölfmonatiger Cannabinoidtherapie die Schmerzintensität um 20 % zurück; gleichzeitig sanken Schlafstörungen und affektive Symptome um etwa ein Drittel, und der Verbrauch an Morphinäquivalenten reduzierte sich um 42 %. Quellen: BfArM-Begleiterhebung 2022; Aviram, Pud et al. 2021

Cannabis ergänzt in diesen Konstellationen meist die bestehende Therapie, statt sie zu ersetzen. Über die mögliche gegenseitige Beeinflussung von Opioiden und Cannabinoiden, etwa über das CB1-System, wird wissenschaftlich noch diskutiert; eindeutige Belege für einen „opioid-sparenden Effekt" sind bisher nicht etabliert. Quellen: BfArM-Begleiterhebung 2022

Was Patient:innen realistisch erwarten dürfen

Cannabinoide wirken bei chronischen Schmerzen laut Metaanalysen mäßig bis moderat, am ehesten bei neuropathischen Schmerzen und bei schmerzhafter Spastik im Rahmen einer Multiplen Sklerose, weniger bei rein nozizeptiven Schmerzen. Ein interessanter Befund mehrerer Untersuchungen: Die Schmerzintensität verändert sich oft weniger stark als der Schmerzaffekt, also wie belastend Schmerzen erlebt werden. Auch Schlaf, Stimmung und Lebensqualität verbessern sich in Studien häufig deutlicher als die reine Schmerzstärke. Quellen: Whiting, Wolff et al. 2015; Fitzcharles, Baerwald et al. 2016; De Vita, Moskal et al. 2018; Nutt, Phillips et al. 2021

Eine Therapie wird grundsätzlich langsam einschleichend begonnen („start low, go slow"); das senkt das Risiko von Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel oder Benommenheit. Die individuelle Dosis, das Verhältnis von THC zu CBD, die Darreichungsform und die Tageszeit der Einnahme legt die behandelnde Ärzt:in fest und passt sie im Verlauf an. In der BfArM-Begleiterhebung wurde bei rund 60 % der Fälle die Therapie im Verlauf verändert, sei es Dosis, Sorte oder Anwendungsform. Das ist normal und Teil der individuellen Einstellung. Quellen: MacCallum und Russo 2018; BfArM-Begleiterhebung 2022

Realistisch heißt auch: Cannabis ist kein Heilmittel und keine Garantie. Wirksamkeit und Verträglichkeit sind individuell verschieden, und ob eine Therapie sinnvoll ist, prüft eine Ärzt:in im Einzelfall.

Die Rolle der Ärzt:in bei der Therapie-Entscheidung

Eine Cannabistherapie ist kein Selbstläufer. Sie steht und fällt mit der Einschätzung einer approbierten Ärzt:in, die deine Situation prüft, dich aufklärt und den Verlauf im Blick behält. Genau das schreibt der Gesetzgeber so vor.

Wann Cannabis ärztlich in Betracht kommt

Nach § 31 Abs. 6 SGB V kommt eine Cannabisverordnung infrage, wenn eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt und allgemein anerkannte Standardtherapien nicht oder nicht ausreichend wirken oder wegen Nebenwirkungen nicht angewendet werden können. Eine chronische Schmerzkrankheit, die die Lebensqualität dauerhaft beeinträchtigt, gilt in der Regel als schwerwiegende Erkrankung. In der BfArM-Begleiterhebung lag die Erkrankungsdauer vor Therapiebeginn im Median bei acht Jahren. Cannabis ist also typischerweise keine erste, sondern eine spätere Option. Quellen: Bundessozialgericht 2015; BfArM-Begleiterhebung 2022

Aufklärung, Anamnese und Verlaufskontrolle

Vor der Verordnung erhebt die Ärzt:in Diagnose, Erkrankungsdauer, Vortherapien samt Beendigungsgründen, aktuelle Medikation und mögliche Risiken. Bei vorheriger Cannabis-Selbsttherapie sollten Dauer, Einnahmeart, übliche Dosis, positive Effekte und Nebenwirkungen erfragt werden. Im Verlauf gehören Wirkung, Nebenwirkungen, Lebensqualität und — gerade bei einem Betäubungsmittel — Hinweise auf Toleranz oder Abhängigkeit zur Kontrolle dazu. Quellen: MacCallum und Russo 2018; Sihota, Smith et al. 2020; BfArM-Begleiterhebung 2022

Telemedizinische Fernbehandlung in Deutschland

Bei HealGreen läuft die ärztliche Prüfung asynchron und schriftlich ab: Du füllst einen digitalen Fragebogen aus, eine approbierte deutsche Ärzt:in prüft deine Angaben im Rahmen einer telemedizinischen Fernbehandlung. Bei Rückfragen meldet sich die ärztliche Seite schriftlich. Bei medizinischer Eignung wird ein E-Rezept ausgestellt, das du in einer deutschen Partnerapotheke einlöst. Eine Garantie auf ein Rezept gibt es nicht: Die Eignung wird individuell ärztlich geprüft.

Quellen (12)

FAQ

Häufige Fragen zu Cannabis bei chronischen Schmerzen

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Weiterführend

Weitere Infos

Medizinischer Haftungsausschluss

Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der Information und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den aktuellen Stand der Forschung, nicht das individuelle Ansprechen einer bestimmten Patient:in. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung in Betracht. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärzt:in oder Apotheker:in.