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Ratgeber · Wirkstoffe

Cannabis-Wirkstoffe im Überblick: THC, CBD und die wichtigsten Cannabinoide

Cannabis enthält über 150 Cannabinoide, dazu Terpene und Flavonoide. Dieser Überblick ordnet THC, CBD, Dronabinol, CBG, CBN und THCV sachlich ein.

Aktualisiert
2026-04-28
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13 Minuten
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Cannabis-Wirkstoffe im Überblick: THC, CBD und die wichtigsten Cannabinoide

Hinter dem Begriff Cannabis-Wirkstoffe steckt deutlich mehr als nur THC. Die Cannabispflanze enthält über 500 Inhaltsstoffe, darunter mehr als 150 Cannabinoide, dazu Terpene und Flavonoide — die pharmakologische Basis von medizinischem Cannabis. Dieser Überblick ordnet die wichtigsten Wirkstoffe sachlich ein, zeigt, wie sie über das Endocannabinoid-System im Körper andocken, und verweist auf die Detailseiten zu den einzelnen Cannabinoiden — von CBD bis Dronabinol. Den ärztlichen Rahmen für eine cannabisbasierte Therapie findest du in unserer Ratgeber-Übersicht.

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Die Wirkstoffe im Cannabis — ein Überblick

Cannabis ist chemisch gesehen keine einzelne Substanz, sondern ein Stoffgemisch. Aus Cannabis sativa wurden bislang über 500 Inhaltsstoffe isoliert, viele davon nur in winzigen Mengen und mit noch unbekannter Funktion.

Medizinisch relevant sind vor allem drei Stoffklassen: Cannabinoide, Terpene und Flavonoide. Sie entstehen hauptsächlich in den Trichomen, kleinen Drüsenhaaren auf den weiblichen Cannabisblüten. Männliche Pflanzen und die Blätter der weiblichen Pflanzen enthalten kaum Wirkstoffe.

Cannabinoide, Terpene und Flavonoide

Cannabinoide sind die bekannteste Stoffgruppe. Beschrieben sind über 150 verschiedene Cannabinoide, die wichtigsten sind THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol). In der lebenden Pflanze liegen sie als pharmakologisch inaktive Säuren vor (THCA, CBDA) und werden erst durch Trocknung, Lagerung oder Erhitzen in ihre aktive Form überführt. Diesen Schritt nennt man Decarboxylierung.

Terpene sorgen für den typischen Geruch von Cannabis. Über 200 flüchtige Terpenverbindungen wurden in verschiedenen Sorten identifiziert, häufige Vertreter sind β-Myrcen, α-Pinen, Limonen und Linalool. Sie kommen auch in vielen anderen Pflanzen vor und bringen eigene pharmakologische Eigenschaften mit.

Flavonoide bilden die dritte Gruppe. In Cannabis sind über 20 verschiedene Flavonoide beschrieben, darunter drei pflanzentypische Cannflavine (A, B, C). Ein viel diskutierter Punkt ist der Entourage-Effekt: die Annahme, dass Cannabinoide und Terpene zusammen anders wirken als isoliert. Plausibel ist das, abschließend belegt ist es aber nicht. Quellen: Hanuš et al. 2016; Bautista et al. 2021; Russo 2011

Wie Wirkstoffe im Körper andocken

Cannabinoide wirken über das Endocannabinoid-System (ECS), ein körpereigenes Regulationssystem, das Stimmung, Schmerz, Appetit, Schlaf und Immunfunktionen mitsteuert. Vereinfacht funktioniert es wie ein Bremssystem: Es dämpft überschießende Reize und stabilisiert das innere Gleichgewicht.

Das ECS hat zwei Hauptandockstellen. Der CB1-Rezeptor sitzt vor allem im Nervensystem und vermittelt unter anderem die psychischen Effekte von THC. Der CB2-Rezeptor findet sich überwiegend auf Immunzellen und ist mit entzündungshemmenden Wirkungen verknüpft. Daneben binden Cannabinoide auch an weitere Strukturen wie TRPV-Kanäle, PPARγ oder GPR55. Der Körper produziert eigene Liganden, sogenannte Endocannabinoide, vor allem Anandamid (AEA) und 2-Arachidonylglycerol (2-AG). Pflanzliche Cannabinoide wie THC und CBD sind diesen körpereigenen Botenstoffen chemisch ähnlich genug, um an dieselben Rezeptoren zu binden. Quellen: Zou und Kumar 2018; Kendall und Yudowski 2016; Pertwee 2008

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THC — der bekannteste Cannabis-Wirkstoff

THC steht für Tetrahydrocannabinol. Es ist in den meisten Cannabis-Sorten der mengenmäßig größte Inhaltsstoff und zugleich der einzige relevante psychotrope Wirkstoff der Pflanze. Pharmakologisch ist THC ein Partialagonist an den Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Vor allem über CB1, der besonders dicht im limbischen System, im Hippocampus und in den Schmerzbahnen vorkommt, entstehen die typischen zentralnervösen Effekte: Entspannung, veränderte Wahrnehmung, gedämpftes Schmerzempfinden. In seiner natürlichen Form liegt THC als unwirksame Säure (THCA) vor und wird erst durch Erhitzen, etwa beim Vaporisieren bei rund 180–210 °C, in die aktive Form überführt. Quellen: Pertwee 2008; Huestis 2007; Stout und Cimino 2014

Klinisch gut dokumentiert ist die Wirkung bei chronischen Schmerzen. Eine Auswertung randomisierter kontrollierter Studien mit insgesamt rund 2.500 Patient:innen zeigt: Exogen zugeführte Cannabinoide können bei chronischem Schmerz wirksam sein, besonders bei neuropathischen Schmerzen und schmerzhafter Spastik bei Multipler Sklerose, weniger bei akuten Schmerzen. Auch bei chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen liegen tragfähige Hinweise auf eine Wirksamkeit vor. Beachtenswert ist ein Befund aus mehreren Studien: THC beeinflusst stärker den Schmerzaffekt als die reine Schmerzintensität. Betroffene erleben den Schmerz also als weniger belastend, ohne dass der Schmerz selbst messbar deutlich abnimmt. Quellen: Whiting et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017; De Vita et al. 2018; Nutt et al. 2021

Anders als CBD ist THC psychotrop und unterliegt in Deutschland der Betäubungsmittel- und Verschreibungspflicht. Die beiden Cannabinoide ergänzen sich: CBD wirkt nicht psychoaktiv, kann THC-Effekte modulieren und bringt eigene, vor allem entzündungshemmende Eigenschaften mit. Mehr zu Wirkprofil, Anwendungsgebieten und Sicherheit von THC findest du auf unserer THC-Detailseite.

CBD — Cannabidiol ohne Rausch

Cannabidiol, kurz CBD, ist neben THC der zweite große Wirkstoff der Cannabispflanze und gewissermaßen ihr öffentlicher Gegenpol. CBD wurde 1963 am Weizmann-Institut in Israel erstmals synthetisiert, kurz vor THC. Heute gilt es als das mengenmäßig häufigste nicht psychotrope Cannabinoid. Das ist der zentrale Unterschied zu THC: CBD löst keinen Rausch aus.

Wie CBD im Körper wirkt

CBD bindet nur sehr schwach an die klassischen Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2, also genau jene Andockstellen, über die THC seine psychoaktive Wirkung entfaltet. Stattdessen greift CBD an einer Reihe anderer Stellen im Körper an: Es aktiviert unter anderem den Serotonin-Rezeptor 5-HT1A, beeinflusst Dopamin-D2-Rezeptoren, wirkt auf TRPV-Ionenkanäle und hemmt den Abbau körpereigener Endocannabinoide über die FAAH. Diese breite Palette erklärt, warum CBD als entzündungshemmend, angstlösend und krampfsenkend untersucht wird, ohne ein „High" auszulösen. Quellen: Pertwee 2008; Leweke, Mueller et al. 2018

Untersuchte Anwendungsgebiete

Am besten belegt ist CBD bei bestimmten schweren kindlichen Epilepsieformen. Die Studien von Devinsky und Kollegen führten zur Zulassung eines CBD-Fertigarzneimittels als Zusatztherapie bei therapieresistentem Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom; in der zulassungsrelevanten Studie sank die Häufigkeit motorischer Krampfanfälle im Schnitt um rund 36,5 %. Quellen: Devinsky et al. 2016; Devinsky et al. 2017; Tzadok, Uliel-Siboni et al. 2016

Bei Angststörungen, vor allem der sozialen Angststörung, zeigen kleinere kontrollierte Studien vielversprechende Effekte: In einem Simulationstest für öffentliches Sprechen reduzierte eine Einmaldosis CBD die Angstsymptome signifikant gegenüber Placebo. Eine abschließende Bewertung steht aus, die Studien sind bislang klein. Quellen: Bergamaschi, Queiroz et al. 2011; Linares, Zuardi et al. 2019; Masataka 2019

Ob CBD die Effekte von THC zuverlässig „abfedert", ist wissenschaftlich umstritten und gilt aktuell nicht als gesichert. Quellen: Solowij, Broyd et al. 2019; Arkell, Lintzeris et al. 2019

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Dronabinol — teilsynthetisches THC aus der Apotheke

Dronabinol klingt nach einem eigenen Wirkstoff, ist aber chemisch schlicht THC. Der Unterschied liegt in der Herkunft: nicht aus der Blüte, sondern aus dem Labor. In der Apotheke landet Dronabinol als Tropfen oder Kapsel.

Was Dronabinol genau ist

Dronabinol bezeichnet wissenschaftlich exakt das (–)-trans-Δ⁹-Tetrahydrocannabinol, also genau jenes THC-Molekül, das auch in der Cannabispflanze für die psychoaktive Wirkung verantwortlich ist. Es wird vollsynthetisch hergestellt oder teilsynthetisch aus pflanzlichem Cannabidiol (CBD) gewonnen. In Deutschland ist Dronabinol kein zugelassenes Fertigarzneimittel, sondern wird als Rezeptursubstanz bezogen und in der Apotheke individuell zu einem Arzneimittel verarbeitet.

Darreichungsformen aus der Apotheke

In der Praxis erhältst du Dronabinol fast immer als individuell hergestellte Rezeptur. Üblich sind:

  • Ölige Tropfen (typischerweise 25 mg/ml in mittelkettigen Triglyceriden), dosiert per Dosierpumpe oder Pipette
  • Kapseln in Stärken von 2,5 mg, 5 mg oder 10 mg
  • Ethanolische Lösung zur Inhalation

Im Gegensatz zu Cannabisblüten, hinter denen je nach Sorte ein eigenes Pflanzengenom mit unterschiedlichen Cannabinoid- und Terpenprofilen steht, ist Dronabinol ein Reinstoff: ein einziges definiertes Molekül, unabhängig vom Hersteller.

Wofür Dronabinol eingesetzt wird

Dronabinol wird ärztlich vor allem bei chemotherapieinduzierter Übelkeit und Erbrechen sowie bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust (etwa im Rahmen von HIV/AIDS oder Krebserkrankungen) erwogen. In der Begleiterhebung des BfArM lag die mittlere Tagesdosis an THC bei Dronabinol-Anwender:innen bei rund 8,5 mg, deutlich niedriger als bei inhalierten Blüten. Die Studienlage zu diesen Indikationen wird in Reviews als eher schwach eingestuft; eine Anwendung erfolgt in Deutschland überwiegend off-label und immer als individueller Therapieversuch durch die behandelnde Ärzt:in. Quellen: Tramèr et al. 2001; Beal et al. 1995; Allan et al. 2018; BfArM Begleiterhebung 2022

CBG — Cannabigerol als Vorstufe der Cannabinoide

Cannabigerol, kurz CBG, gehört zu den weniger bekannten Cannabinoiden, ist biologisch aber besonders interessant. In der Pflanze entsteht es als saure Form (Cannabigerolsäure, CBGA) und ist dort das zentrale Zwischenprodukt der Cannabinoid-Biosynthese. Aus CBGA bauen drei pflanzeneigene Enzyme die Säurevorstufen von THC, CBD und CBC, also THCA, CBDA und CBCA. Aus diesem Grund wird CBG in der Literatur oft als „Mutter-Cannabinoid" bezeichnet: Ohne CBGA gäbe es weder THC noch CBD in der Cannabispflanze. Quellen: Gülck und Møller 2020

Was CBG pharmakologisch macht

Anders als THC bindet CBG nur schwach an die klassischen Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 und wirkt deshalb nicht psychotrop. Stattdessen interagiert CBG mit anderen Zielstrukturen: Es verhält sich als Agonist an α2-Adrenozeptoren, blockiert 5-HT1A-Rezeptoren und aktiviert PPARγ. In Zellexperimenten aktiviert CBG den Ionenkanal TRPA1 und blockiert TRPM8. Genau diese vielfältigen Angriffspunkte sind der Grund, warum CBG in der Forschung als möglicher Kandidat für neurologische, entzündliche und schmerzbezogene Fragestellungen diskutiert wird. Quellen: Cascio et al. 2010; De Petrocellis et al. 2011; Nachnani, Raup-Konsavage et al. 2021; Rohleder und Müller 2021

Aktuelle Studienlage: vorsichtig optimistisch, aber früh

Belastbare klinische Daten zu CBG am Menschen sind bislang rar. Tierexperimentelle Studien deuten auf antinozizeptive (schmerzlindernde) Effekte hin, vermittelt unter anderem über α2-Adrenozeptoren, sowie auf neuroprotektive Effekte in chemisch induzierten Modellen der Huntington-Krankheit, in denen CBG wie THC und CBD striatale Nervenzellen schützen konnte. Wissenschaftlich interessant, klinisch aber nicht übertragbar: Beim Menschen sind diese Effekte nicht nachgewiesen. CBG ist derzeit ein Forschungsfeld, kein etabliertes Therapeutikum. Quellen: Comelli et al. 2012; Sagredo, González et al. 2009; Valdeolivas, Navarrete et al. 2015

CBN — Cannabinol und der Schlaf-Mythos

CBN, ausgeschrieben Cannabinol, taucht in der Cannabis-Welt oft mit einem klaren Marketingversprechen auf: das „Schlaf-Cannabinoid". In Foren und auf Produktseiten liest sich das so, als mache CBN müde, sediere zuverlässig und sei der natürliche Schlafhelfer in alten oder gelagerten Blüten. Beim Blick in die wissenschaftliche Literatur wird das Bild deutlich nüchterner und auch deutlich dünner.

Wie CBN überhaupt entsteht

CBN ist im strengen Sinn kein Wirkstoff, den die Cannabispflanze gezielt produziert. Es ist ein Abbauprodukt von THC. Unter Einfluss von Licht und Sauerstoff wird Δ9-THCA bzw. Δ9-THC schrittweise oxidiert und über mehrere chemische Zwischenschritte zu CBN aromatisiert. Im Gegensatz zu THC ist CBN selbst nicht mehr oxidationsempfindlich und sehr stabil, sowohl in der lebenden Pflanze als auch in getrockneten Blüten und daraus hergestellten Zubereitungen.

Das hat eine sehr praktische Konsequenz für die Apothekenqualität: Der CBN-Gehalt korreliert mit dem THC-Abbau in den Blüten. Im Deutschen Arzneibuch ist deshalb ein Grenzwert von höchstens 1,0 % CBN festgelegt. CBN ist damit weniger ein eigenständiger Wirkstoff als vielmehr ein indirekter Qualitätsindikator: Er zeigt, ob Blüten angemessen verarbeitet, verpackt und gelagert wurden.

Was die Studienlage zu Schlaf wirklich hergibt

Hier lohnt sich Klartext. In der Übersichtsliteratur zu Phytocannabinoiden und Schlaf werden vor allem THC und CBD als untersuchte Substanzen geführt. Schlafanstoßende Effekte wurden für Δ9-THC im Tierversuch und in älteren Humanstudien beschrieben; für CBD ist die Datenlage widersprüchlich, mit Hinweisen sowohl auf wachfördernde als auch auf schlafverbessernde Effekte je nach Kontext und Dosis.

Für CBN als eigenständigen Schlafwirkstoff fehlen belastbare kontrollierte Humanstudien. Die in Cannabis-Monographien aufgeführten pharmakologischen Daten zu CBN beschränken sich im Wesentlichen auf chemische Stabilität, dermale Penetration, Siedepunkt und analytische Kenngrößen, nicht auf klinische Wirksamkeit bei Insomnie.

Die häufig zitierte sedierende Wirkung „alter" Blüten lässt sich pharmakologisch eher anders erklären: Das in Cannabis am häufigsten vorkommende Terpen β-Myrcen hat narkotisch-sedierende Effekte, die unter dem Begriff „couch-lock" beschrieben wurden. Was im Marketing als CBN-Schlafwirkung verkauft wird, ist also möglicherweise ein Zusammenspiel aus reduziertem THC-Gehalt, Terpenprofil und individueller Erwartung. Quellen: Rao, Menezes et al. 1990; Lorenzetti, Souza et al. 1991

Ehrliche Einordnung

Für dich als Patient:in heißt das: CBN ist chemisch gut beschrieben, klinisch aber kaum untersucht. Eine spezifische schlaffördernde Wirkung von CBN beim Menschen ist auf Basis der vorliegenden Literatur nicht belegt. Wer wegen Schlafstörungen über eine cannabisbasierte Therapie nachdenkt, sollte das mit der behandelnden Ärzt:in besprechen, statt sich auf Marketingversprechen rund um einzelne Minor-Cannabinoide zu verlassen.

THCV — Tetrahydrocannabivarin und sein eigenes Profil

Tetrahydrocannabivarin, kurz THCV, ist chemisch eng mit THC verwandt. Es ist das sogenannte Propyl-Homolog, unterscheidet sich also nur in einer kürzeren Seitenkette. Pharmakologisch verhält es sich trotz dieser strukturellen Nähe anders als THC. Erstmals beschrieben wurde THCV bereits in den 1970er-Jahren. Quellen: Gill et al. 1970; Merkus 1971; Hollister 1974

Spannend macht THCV sein dosisabhängiges Profil am CB1-Rezeptor. In niedrigen Dosen wirkt es im Tiermodell als neutraler CB1-Antagonist, blockiert dort also typische THC-Effekte. In höheren Dosen kann es selbst CB1-aktivierende Eigenschaften zeigen. Zusätzlich wirkt THCV in vitro als Partialagonist am CB2-Rezeptor. Damit unterscheidet es sich klar von THC, das CB1 und CB2 als Partialagonist stimuliert. Quellen: Pertwee et al. 2007; Thomas et al. 2005; Bolognini et al. 2010

Das hat Forschungsinteresse an Indikationen jenseits der klassischen THC-Felder geweckt. Tierdaten zeigen, dass THCV bei nicht-fastenden und fastenden Mäusen die Nahrungsaufnahme und das Körpergewicht reduzieren kann. In Modellen für ernährungs- oder genetisch bedingte Adipositas verbesserte THCV außerdem die Glukosetoleranz und die Insulinsensitivität, ohne Plasmalipide nennenswert zu verändern. Diskutiert werden auch entzündungs- und schmerzbezogene Effekte über CB2. Wichtig zur Einordnung: Diese Befunde stammen überwiegend aus präklinischen Tier- und Zellmodellen. Belastbare klinische Studien am Menschen fehlen weitgehend. THCV bleibt damit ein interessantes Forschungsobjekt, kein etablierter Therapiebaustein. Quellen: Riedel et al. 2009; Wargent et al. 2013; Bolognini et al. 2010

Themen im Überblick

Wer einzelne Cannabinoide vertiefen will, findet die wichtigsten Substanzen in eigenen Detailartikeln. Jede Seite ordnet Wirkmechanismus, untersuchte Anwendungsgebiete und rechtlichen Rahmen sachlich ein.

THC

Tetrahydrocannabinol ist das mengenmäßig größte Cannabinoid in den meisten Cannabissorten und der einzige relevante psychotrope Wirkstoff der Pflanze. Wir erklären Wirkmechanismus, Effekte, Nebenwirkungen und den rechtlichen Rahmen.

CBD

Cannabidiol wirkt nicht psychotrop und gilt als gut verträglich. Was Studien zur Wirkungsweise, zur Zulassung bei Epilepsie und zum medizinischen Einsatz zeigen.

Dronabinol

Dronabinol ist (teil-)synthetisches THC und seit 1998 als Rezeptursubstanz verschreibungsfähig. Was es chemisch ist, wie es dosiert wird und wo es ärztlich erwogen wird.

CBG

Cannabigerol ist die biochemische Vorstufe von THC und CBD — das „Mutter-Cannabinoid". Was zu Wirkmechanismus und früher Studienlage bekannt ist.

CBN

Cannabinol entsteht durch Oxidation von THC und ist vor allem ein Qualitätsindikator. Warum die Marketingaussage „Schlaf-Cannabinoid" wissenschaftlich nicht haltbar ist.

THCV

Tetrahydrocannabivarin ist das Propyl-Homolog von THC mit dosisabhängigem CB1-Profil. Was präklinische Daten zu Stoffwechsel, Appetit und CB2-Effekten andeuten.

Warum nicht nur THC zählt — das Wirkstoff-Profil insgesamt

THC ist das bekannteste Cannabinoid, aber nicht der einzige Wirkstoff, der in Cannabis eine Rolle spielt. Eine Cannabisblüte enthält über 500 Substanzen, darunter mehr als 150 Cannabinoide, dazu Terpene und Flavonoide. Eine Charakterisierung allein über den THC-Gehalt greift deshalb zu kurz und wird der Vielfalt unterschiedlicher Sorten nur teilweise gerecht. Quellen: Mudge, Murch et al. 2018

In der Praxis schauen Ärzt:innen auf das gesamte Wirkstoff-Profil einer Sorte: Wie ist das Verhältnis von THC zu CBD? Welche weiteren Cannabinoide sind enthalten? Welches Terpenmuster bringt die Sorte mit? Genau aus diesem Grund spricht man bei Cannabis nicht von austauschbaren „Strains", sondern von Chemovaren — also Pflanzen mit jeweils eigenem chemischen Fingerabdruck. Unterschiedliche Kultivare gelten pharmazeutisch als individuelle Wirkstoffe und dürfen nicht ohne Weiteres gegeneinander ersetzt werden. Quellen: Schilling, Dowling et al. 2021; Veit, Akkar-Schenkl et al. 2020

Entourage-Effekt: Cannabinoide und Terpene

Den Begriff Entourage-Effekt prägte Mechoulam 1998. Gemeint sind alle erwünschten Begleiteffekte einer Cannabistherapie, die nicht von THC allein stammen, sei es durch andere Cannabinoide, durch Terpene oder durch weitere Pflanzeninhaltsstoffe. Das kann eine Wirkverstärkung bedeuten, aber auch eine Linderung von Nebenwirkungen oder einen günstigen Einfluss auf den Stoffwechsel der Cannabinoide. Quellen: Mechoulam, Fride et al. 1998; Russo 2011

Am besten untersucht ist das Zusammenspiel von THC und CBD. CBD kann anxiolytisch und antipsychotisch wirken und hemmt zugleich die Verstoffwechselung von THC zum stärker psychoaktiven 11-OH-THC. In einer Studie an Patient:innen mit opioidresistenten Krebsschmerzen verbesserte ein THC/CBD-Extrakt die Schmerzen um rund 30 % gegenüber Placebo, während ein reiner THC-Extrakt diesen Effekt nicht zeigte. Quellen: Russo und Guy 2006; Bornheim und Grillo 1998; Johnson, Burnell-Nugent et al. 2010

Auch Terpene, also die für das typische Aroma verantwortlichen Stoffe, werden in diesem Zusammenhang diskutiert. Häufige Vertreter in Cannabis sind β-Myrcen, α-Pinen, D-Limonen, D-Linalool und β-Caryophyllen. Für einzelne dieser Terpene wurden in Labor- und Tierversuchen entzündungshemmende, sedierende oder analgetische Effekte beschrieben. Wichtig zur Einordnung: In den heute medizinisch eingesetzten Extrakten sind die Terpenmengen wahrscheinlich zu gering, um eigenständige klinische Wirkungen zu entfalten. Eine kontrollierte Studie konnte zudem keine Modulation der THC-Wirkung an menschlichen CB1- und CB2-Rezeptoren durch typische Cannabis-Terpene zeigen. Ein klinisch valider Beleg für den Entourage-Effekt steht damit weiterhin aus. Quellen: McPartland und Russo 2001; Russo 2011; Santiago, Sachdev et al. 2019

Vollspektrum vs. Isolat

Daraus ergibt sich eine sehr praktische Folgefrage: Vollspektrum oder Isolat?

  • Vollspektrum-Extrakte (fachlich genauer: Breitspektrum-Extrakte) enthalten neben THC und CBD die weiteren Cannabinoide, Terpene und Flavonoide der Pflanze. Sie sind im Deutschen Arzneibuch als „Eingestellter Cannabisextrakt" monographiert und werden auf einen definierten THC- bzw. CBD-Gehalt eingestellt.
  • Isolate sind Reinstoffe wie Dronabinol (THC) oder reines CBD. Hier ist die Zusammensetzung exakt definiert, die Begleitstoffe der Pflanze fehlen jedoch. Quellen: Deutsches Arzneibuch (DAB-Monographie „Eingestellter Cannabisextrakt")

Beide Wege haben ihre Berechtigung. Welche Form für eine Patient:in geeignet ist, entscheidet die behandelnde Ärzt:in individuell, je nach Indikation, Vorerfahrung und Verträglichkeit. Klar ist: Reduziert man Cannabis auf eine einzige Prozentzahl, geht ein Teil der Information verloren, die für eine differenzierte Therapieentscheidung wichtig sein kann.

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