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Cannabis Wirkstoffe: THC, CBD & weitere Cannabinoide
Cannabis-Wirkstoffe sind für viele Patient:innen ein Thema mit vielen offenen Fragen: Wie wirken THC und CBD im Körper, was leisten Nebencannabinoide wie CBG oder CBN — und warum reicht ein Blick auf den THC-Gehalt nicht aus? Dieser Ratgeber ordnet die wichtigsten Cannabis-Wirkstoffe ein, erklärt die pharmakologischen Grundlagen und zeigt, worauf es bei einer Therapie wirklich ankommt — als Teil unseres Leitfadens zu medizinischem Cannabis. Vertiefung im Wirkstoffe-Ratgeber.
Verfasst von
HealGreen Redaktionsteam
Zuverlässige und geprüfte medizinische Informationen, zusammengestellt von unserem Redaktionsteam und Apotheken
Was sind Cannabinoide?
Cannabinoide sind die zentrale Wirkstoffgruppe der Cannabispflanze. Chemisch handelt es sich um terpenoide phenolische Verbindungen mit einem Resorcinyl-Kern. Aus Pflanzen wurden bisher über 100 dieser Verbindungen isoliert; in Cannabis selbst sind aktuell rund 150 Cannabinoide bekannt — die meisten davon nur in Spuren. Am besten erforscht und medizinisch am wichtigsten sind THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol). Wichtig zur Einordnung: Cannabinoide sind nicht dasselbe wie Terpene. Terpene bilden das ätherische Öl und sind für das Aroma verantwortlich, während Cannabinoide die pharmakologisch entscheidenden Cannabis-Wirkstoffe sind. Beide entstehen in den Trichomen der weiblichen Blüten.
Phytocannabinoide, Endocannabinoide und synthetische Cannabinoide
Cannabis-Wirkstoffe lassen sich nach ihrer Herkunft in drei Gruppen einteilen:
- Phytocannabinoide stammen aus der Pflanze und sammeln sich in den Trichomen. THC und CBD sind die mengenmäßig dominanten Vertreter; die Wirkung der vielen Nebenphytocannabinoide auf den Menschen ist bisher nur teilweise erforscht.
- Endocannabinoide bildet der Körper selbst. Die wichtigsten sind Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG). Sie werden bei Bedarf aus Bestandteilen der Zellmembran synthetisiert und nach kurzer Wirkung wieder abgebaut — AEA über das Enzym FAAH, 2-AG vor allem über die MAGL.
- Synthetische Cannabinoide werden im Labor hergestellt. Dazu zählt etwa Nabilon, ein THC-Derivat, das in Deutschland als Arzneimittel verfügbar ist. Quellen: Ujváry und Hanuš 2016; Baggelaar, Maccarrone et al. 2018
So wirken Cannabinoide im Endocannabinoid-System
Der gemeinsame Nenner all dieser Stoffe ist das Endocannabinoid-System (ECS). Es besteht aus den Rezeptoren CB1 und CB2, körpereigenen Liganden (vor allem AEA und 2-AG) sowie den auf- und abbauenden Enzymen.
- CB1 sitzt überwiegend im Nervensystem, besonders in Hippocampus, Basalganglien, limbischem System und Schmerzbahnen. Über CB1 vermittelt das ECS Einflüsse auf Stimmung, Wahrnehmung, Lernen, Gedächtnis und Schmerz. CB1 ist auch die wichtigste Bindungsstelle für THC — hier entstehen die psychotropen Effekte.
- CB2 findet sich vor allem auf Immunzellen und ist an entzündungs- und immunregulierenden Prozessen beteiligt. Wichtigster körpereigener Ligand ist hier 2-AG.
Mechanistisch wirkt das ECS wie ein Filter: Bei starker neuronaler Aktivität werden Endocannabinoide freigesetzt, binden rückwärts an CB1 und drosseln so die Reizweiterleitung. Diese Bremsfunktion schützt das Nervensystem vor Überlastung. Phytocannabinoide wie THC greifen genau hier ein, weil sie dieselben Rezeptoren stimulieren können wie körpereigene Liganden. Neben CB1 und CB2 spielen weitere Bindungsstellen eine Rolle, etwa TRPV1-, GPR55- und PPARγ-Rezeptoren — das erklärt das breite Wirkspektrum vieler Cannabis-Wirkstoffe. Quellen: Kendall und Yudowski 2016; Katona und Freund 2008; Zou und Kumar 2018
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THC — der psychoaktive Hauptwirkstoff von Cannabis
THC (Tetrahydrocannabinol) ist in den meisten Sorten das mengenmäßig größte Cannabinoid und der Wirkstoff, der den typischen Rauschzustand auslöst. Isoliert wurde es 1964 von Raphael Mechoulam am Weizmann-Institut in Israel.
Wirkmechanismus von Delta-9-THC am CB1-Rezeptor
THC bindet als Partialagonist an die Rezeptoren CB1 und CB2 des Endocannabinoid-Systems — also an dasjenige System, das Schmerz, Stimmung, Appetit und Stress mitreguliert. Die psychoaktive Wirkung entsteht vor allem über CB1-Rezeptoren im Gehirn, die in Hippocampus, Basalganglien, limbischem System und Kleinhirn dicht vorkommen. Über diese Rezeptoren dämpft THC die Erregbarkeit von Nervenzellen und beeinflusst die Freisetzung von Botenstoffen wie Dopamin, Serotonin oder GABA.
Medizinische Anwendungsgebiete von THC
Die Studienlage zeigt eine moderate Wirksamkeit bei chronischen, insbesondere neuropathischen Schmerzen sowie bei schmerzhafter Spastik im Rahmen von Multipler Sklerose. Auch bei chemotherapie-induzierter Übelkeit und Appetitlosigkeit (z. B. bei HIV/AIDS) gibt es Hinweise auf einen Nutzen. Laut BfArM-Begleiterhebung ist chronischer Schmerz mit über 76 % die mit Abstand häufigste Indikation in Deutschland. Quellen: Whiting et al. 2015; NASEM 2017; Karst et al. 2010; BfArM Begleiterhebung 2022
Mögliche Nebenwirkungen und Risiken
Häufige, meist dosisabhängige Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen sowie eine leichte Tachykardie. Ab Tagesdosen über etwa 25 mg THC treten gehäuft psychotrope Effekte auf. Vorsicht ist geboten bei Vorbelastung für Psychosen, schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, in der Schwangerschaft und bei jungen Menschen vor abgeschlossener Hirnreifung. Quellen: Cremer-Schaeffer 2019; Ware et al. 2015; Hoch et al. 2017
CBD — der nicht-psychoaktive Wirkstoff
Cannabidiol (CBD) ist nach THC der zweite Hauptwirkstoff der Hanfpflanze. Anders als THC wirkt CBD nicht psychotrop — es macht also nicht „high".
Wie CBD im Körper wirkt
CBD bindet nur sehr schwach an die klassischen Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Stattdessen wirkt es indirekt: über Serotonin-Rezeptoren (5-HT1A), TRPV-Ionenkanäle, eine Steigerung körpereigener Endocannabinoide und über entzündungshemmende Signalwege. Diese Multi-Target-Wirkung erklärt, warum die genauen Mechanismen bislang nur teilweise geklärt sind.
Mögliche Anwendungsgebiete laut Studienlage
Am besten belegt ist CBD bei seltenen, schweren kindlichen Epilepsien: In kontrollierten Studien reduzierte hochdosiertes CBD die Anfallshäufigkeit beim Dravet- und Lennox-Gastaut-Syndrom, was zur Zulassung eines CBD-Fertigarzneimittels führte. Bei sozialer Angststörung zeigten Einmalgaben von 300–600 mg CBD in kleinen kontrollierten Studien eine signifikante Angstreduktion. Auch bei Schizophrenie deutet eine kontrollierte Studie auf antipsychotische Effekte hin. Quellen: Devinsky et al. 2016; Devinsky et al. 2017; Bergamaschi et al. 2011; Linares et al. 2019; Leweke et al. 2012; McGuire et al. 2018
CBD im Zusammenspiel mit THC
Die verbreitete Annahme, CBD neutralisiere die unerwünschten Wirkungen von THC, ist nach aktueller Datenlage so pauschal nicht haltbar. Niedrig dosiertes CBD kann angstmachende THC-Effekte abschwächen, andere Studien zeigen aber das Gegenteil. Die Kombination ist immer ein medizinischer Abwägungsprozess durch die behandelnde Ärzt:in. Quellen: Solowij et al. 2019; Arkell et al. 2019; Haney et al. 2016; Nutt et al. 2021
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Weitere Cannabinoide: CBG, CBN, THCV und CBC
Cannabis enthält mehr als 150 Cannabinoide. Fast alle leiten sich biosynthetisch von Cannabigerolsäure (CBGA) ab — dem zentralen Vorläufer, aus dem spezifische Enzyme die Säureformen THCA, CBDA und CBCA bilden. Für die meisten Nebencannabinoide ist die Bedeutung für den Menschen bisher nur in Ansätzen erforscht.
CBG — die „Mutter aller Cannabinoide"
Cannabigerol (CBG) ist die Vorläufersubstanz der Säureformen von THC und CBD. Die Affinität zu CB1- und CB2-Rezeptoren ist gering, psychotrop wirkt es nicht. In präklinischen Studien zeigte CBG sich unter anderem als α2-Adrenozeptor-Agonist, als Antagonist an 5-HT1A-Rezeptoren und als PPARγ-Agonist. Quellen: Cascio et al. 2010; Comelli et al. 2012
CBN — Abbauprodukt mit eigenem Profil
Cannabinol (CBN) ist das Hauptabbauprodukt von THC: Unter Einfluss von Licht und Sauerstoff wird Δ9-THC nicht-enzymatisch zu CBN oxidiert. Der CBN-Gehalt korreliert daher mit dem THC-Abbau und gilt als Hinweis auf Verarbeitung und Lagerung. Im Gegensatz zu THC ist CBN selbst nicht mehr oxidationsempfindlich. Quellen: Hanuš, Meyer et al. 2016
THCV und CBC — seltener, aber relevant
Tetrahydrocannabivarin (THCV) ist das Propyl-Analogon von THC und wirkt dosisabhängig: in niedrigen Dosen als CB1-Antagonist, in höheren Dosen eher als CB1-Agonist. In Tierstudien reduzierte THCV zudem die Nahrungsaufnahme. Quellen: Pertwee et al. 2007; Riedel 2009; Thomas et al. 2005
Cannabichromen (CBC) wirkt vor allem über TRP-Kationenkanäle wie TRPA1 und TRPV1–4 und hemmt die zelluläre Aufnahme des Endocannabinoids Anandamid. In Tiermodellen zeigte CBC antinozizeptive Effekte und konnte die Wirkung von THC verstärken. Quellen: De Petrocellis et al. 2011; Davis und Hatoum 1983; Maione et al. 2011
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Terpene und der Entourage-Effekt
Was Terpene sind
Terpene sind sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe und prägen das charakteristische Aroma von Cannabis. Bisher wurden mehr als 200 flüchtige Verbindungen aus verschiedenen Cannabis-Chemotypen isoliert. Die häufigsten Monoterpene sind Limonen, β-Myrcen, α-Pinen und Linalool, dazu kommen Sesquiterpene wie β-Caryophyllen. Außerhalb von Cannabis kennst du diese Stoffe aus Zitrusölen (Limonen), Kiefernnadeln (Pinen) oder Lavendel (Linalool).
Wie Terpene und Cannabinoide zusammenwirken
Den Begriff Entourage-Effekt prägte Mechoulam 1998 für die Idee, dass Begleitstoffe die Wirkung der Hauptcannabinoide modulieren können. Mehrere Reviews halten eine Synergie etwa zwischen CBD und THC für plausibel. Quellen: Mechoulam, Fride et al. 1998; McPartland und Russo 2001; Russo 2011; Russo und Guy 2006
Gleichzeitig ist die Studienlage uneinheitlich: Eine In-vitro-Untersuchung fand keine Modulation der THC-Aktivität an menschlichen CB1- und CB2-Rezeptoren durch typische Cannabis-Terpenoide. Der Effekt gilt also als wahrscheinlich, aber nicht abschließend belegt. Quellen: Santiago et al. 2019; Russo 2019
Warum das Wirkstoff-Profil wichtiger ist als der THC-Gehalt
Viele Patient:innen schauen beim ersten Kontakt mit medizinischem Cannabis vor allem auf eine Zahl: den THC-Gehalt. Das ist verständlich, greift aber zu kurz. Die Fachliteratur kritisiert seit Jahren, dass eine Charakterisierung allein über THC- und CBD-Gehalt der Vielfalt der Cannabis-Chemotypen nicht gerecht wird. Quellen: Mudge, Murch et al. 2018
THC-Gehalt als Orientierung, nicht als Qualitätsmaß
Ein hoher THC-Wert sagt nichts darüber aus, ob eine Sorte für deine Situation passt. Im Gegenteil: Hochgezüchtete Kultivare mit sehr hohem THC enthalten meist nur Spuren CBD, und es wird diskutiert, ob das Risiko für Nebenwirkungen dadurch steigt. Quellen: Hardwick und King 2008; Freeman, van der Pol et al. 2018
Auch in der Therapie zählt nicht die maximale Dosis: Laut einem Review von Brunetti, Pichini et al. erhöht eine inhalative Tagesgabe von mehr als 20–30 mg THC eher das Risiko für Nebenwirkungen und Toleranz, ohne die Wirksamkeit zu verbessern. Der THC-Gehalt ist also eine Orientierung, kein Qualitätsmaß. Quellen: Brunetti, Pichini et al. 2020
Was ein vollständiges Cannabinoid- und Terpenprofil aussagt
Das Arzneibuch unterscheidet THC-dominante, CBD-dominante und equilibrierte (THC ≈ CBD) Produkte, weil mit unterschiedlichen THC/CBD-Relationen unterschiedliche Wirkqualitäten verknüpft sind. Ein vollständiges Profil zeigt also nicht nur „wie stark", sondern „wie zusammengesetzt". Hinzu kommt der diskutierte Entourage-Effekt: Terpene und weitere Cannabis-Wirkstoffe könnten die Wirkung der Cannabinoide modulieren — wissenschaftlich belastbare Aussagen dazu stehen aber noch aus. Welche Sorte für dich infrage kommt, entscheidet die behandelnde Ärzt:in auf Grundlage von Indikation, Verträglichkeit und individuellem Nutzen-Risiko-Verhältnis — nicht die Prozentzahl auf dem Etikett. Quellen: Russo 2011; Israeli Medical Cannabis Agency 2017; McPartland und Russo 2001
Quellen (6)
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