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Ratgeber · Wirkung

Cannabis Wirkung allgemein: Effekte, Nebenwirkungen und Pharmakokinetik

Cannabis-Wirkung im Überblick: THC, CBD, Nebenwirkungen, Langzeitfolgen und Wechselwirkungen mit Medikamenten — sachlich und studienbasiert eingeordnet.

Aktualisiert
2026-04-28
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13 Minuten
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Cannabis Wirkung allgemein: Effekte, Nebenwirkungen und Pharmakokinetik

Was passiert im Körper, wenn Cannabis wirkt? Diese Übersicht erklärt die wichtigsten Effekte von THC und CBD, ordnet typische Nebenwirkungen ein, beleuchtet Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und zeigt, was Patient:innen über die Langzeit-Perspektive wissen sollten — als Teil unseres Ratgebers und der Grundlagen zu medizinischem Cannabis. Kompakt, fachlich, ohne Schlagworte.

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Wie Cannabis wirkt — der Überblick

Cannabis wirkt nicht wie ein einfacher Schalter, sondern wie ein Regler. Die Inhaltsstoffe greifen in ein körpereigenes System ein, das ständig im Hintergrund mitläuft. Genau deshalb fallen die Effekte je nach Mensch, Situation und Wirkstoffprofil so unterschiedlich aus.

Endocannabinoid-System in einem Satz

Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein körpereigenes Regulationsnetzwerk: Zwei Hauptrezeptoren — CB1 (überwiegend im Nervensystem) und CB2 (überwiegend im Immunsystem) — arbeiten mit körpereigenen Botenstoffen wie Anandamid (AEA) und 2-Arachidonylglycerol (2-AG) sowie den passenden Auf- und Abbauenzymen zusammen. Das ECS moduliert Stimmung, Wahrnehmung, Lernen, Gedächtnis und Schmerz und wirkt dabei wie eine neurochemische Bremse gegen zu starke neuronale Erregung. Quellen: Kendall und Yudowski 2016

THC, CBD und weitere Cannabinoide

In der Cannabispflanze sind bislang etwa 150 Cannabinoide bekannt — die meisten davon nur in Spuren und kaum erforscht. Im Mittelpunkt stehen zwei Wirkstoffe:

  • THC (Tetrahydrocannabinol) ist der psychotrope Hauptwirkstoff. Es bindet als Partialagonist an CB1 und CB2 und vermittelt die typischen zentralen Effekte, etwa Schmerzmodulation und Veränderungen von Stimmung oder Wahrnehmung.
  • CBD (Cannabidiol) wirkt nicht psychotrop. Es bindet nur schwach an CB1/CB2, beeinflusst aber andere Bindungsstellen wie 5-HT1A oder TRPV-Kanäle und gilt als entzündungshemmend.

Begleitstoffe wie weitere Cannabinoide und Terpene können die Hauptwirkung modulieren. Dieses Zusammenspiel wird als Entourage-Effekt diskutiert. Quellen: Ujváry und Hanuš 2016; Mechoulam, Fride et al. 1998; Pertwee 2008

Was unterscheidet medizinisches Cannabis vom Freizeitkonsum?

Medizinisches Cannabis ist ein standardisiertes Arzneimittel mit definiertem THC- und CBD-Gehalt, pharmazeutischer Qualitätsprüfung und ärztlich begleiteter Dosierung. Straßencannabis hat dagegen meist unbekannte Wirkstoffgehalte, mögliche Verunreinigungen und keinen kontrollierten Anwendungsrahmen. Bei oralen oder oromukosalen Cannabisarzneimitteln liegt die mittlere Tagesdosis an THC laut Begleiterhebung des BfArM bei rund 9–15 mg, deutlich unterhalb dessen, was im Freizeitkonsum üblich ist. Quellen: BfArM-Begleiterhebung 2022

Allgemeine Wirkung von Cannabis auf Körper und Psyche

Wenn von der Cannabis Wirkung allgemein gesprochen wird, ist meist die Wirkung von THC gemeint — dem wichtigsten psychotropen Inhaltsstoff der Pflanze. THC bindet an CB1- und CB2-Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems, das an Schmerz, Stimmung, Schlaf, Appetit und Stressregulation beteiligt ist. CBD wirkt nicht psychotrop und hat ein anderes Wirkprofil. Wie stark eine Wirkung ausfällt, hängt von Dosis, Aufnahmeweg, Erfahrung und individueller Empfindlichkeit ab.

Wie schnell und wie lange Cannabis wirkt, unterscheidet sich deutlich nach Anwendungsart. Nach Inhalation (Vaporisation) ist eine Wirkung schon binnen weniger Minuten spürbar, das Maximum wird nach etwa 15–30 Minuten erreicht. Bei oraler Einnahme setzt die Wirkung später ein, hält dafür länger an. Ein klassischer Cannabisrausch klingt typischerweise nach 3–5 Stunden ab.

Körperliche Effekte

Auf körperlicher Ebene treten vor allem Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, leichte Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen sowie eine gesteigerte Herzfrequenz auf. Auch leichte Blutdruckschwankungen kommen vor. In der deutschen Begleiterhebung des BfArM gehörten Müdigkeit (rund 15 %), Schwindel (rund 10 %) und Mundtrockenheit (rund 5 %) zu den häufigsten gemeldeten Effekten. Gegen die Herz-Kreislauf-Wirkungen entwickelt sich oft innerhalb weniger Tage eine Toleranz. Quellen: Schmidt-Wolf und Cremer-Schaeffer 2019; Cremer-Schaeffer 2019

Psychische Effekte

Psychisch beschreiben Patient:innen häufig eine entspannte, leicht euphorische Stimmung, Gelassenheit und ein verändertes Zeitempfinden. THC kann aber auch Aufmerksamkeit, Kurzzeitgedächtnis und Reaktionsfähigkeit vorübergehend beeinträchtigen. Bei höheren Dosen — vor allem inhalativ — sind Angst, Unruhe, Dysphorie oder paranoide Erlebnisse möglich. Eine niedrige orale Einstiegsdosis nach dem Prinzip „start low, go slow, keep low" gilt als wichtigste Maßnahme, um solche Effekte zu vermeiden. Quellen: Beaulieu, Boulanger et al. 2016; Grotenhermen und Häußermann 2017

Wirkung auf Schmerz, Schlaf und Appetit

Bei chronischen Schmerzen zeigen Metaanalysen mit rund 2.500 Patient:innen aus etwa 30 randomisierten Studien eine mäßige bis deutliche Linderung, vor allem bei neuropathischen Schmerzen und bei schmerzhafter Spastik im Rahmen einer Multiplen Sklerose. Bemerkenswert: Die Schmerzintensität sinkt oft nur moderat, während der emotional belastende Anteil — der sogenannte Schmerzaffekt — deutlich abnimmt. In einer Kohortenstudie mit über 1.000 chronischen Schmerzpatient:innen besserten sich nach zwölf Monaten Schlafstörungen und affektive Belastung jeweils um rund 33 %. Quellen: Whiting et al. 2015; National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine 2017; Aviram, Pud et al. 2021; De Vita, Moskal et al. 2018

Auf den Schlaf wirken Cannabinoide oft indirekt, etwa über Schmerzlinderung und Stressreduktion bei Fibromyalgie. Auf den Appetit kann THC anregend wirken. Dronabinol wird in Studien zur Appetit- und Gewichtsstabilisierung bei HIV/AIDS und Tumorerkrankungen untersucht. Eine konkrete Dosierung ist immer mit der behandelnden Ärzt:in abzuklären. Quellen: Whiting et al. 2015; Grotenhermen und Müller-Vahl 2012

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CBD-spezifische Wirkung: nicht-berauschend, aber medizinisch relevant

Cannabidiol, kurz CBD, ist neben THC der am besten untersuchte Inhaltsstoff der Cannabispflanze. Anders als THC macht CBD nicht „high". Pharmakologisch ist es trotzdem alles andere als unscheinbar: CBD greift an einer ganzen Reihe von Rezeptoren und Enzymen an und hat in Studien klare medizinische Effekte gezeigt, vor allem bei bestimmten Epilepsieformen und bei Angstsymptomen.

Wie CBD im Körper wirkt

CBD bindet, anders als oft vereinfacht dargestellt, nur sehr schwach an die klassischen Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Seine Wirkung entsteht eher über Umwege. CBD kann CB1 und CB2 in niedriger Konzentration als inverser Agonist hemmen und aktiviert vor allem zahlreiche andere Zielstrukturen — darunter den Serotonin-Rezeptor 5-HT1A, TRPV-Ionenkanäle und Dopamin-D2-Rezeptoren. Gleichzeitig hemmt es 5-HT3A- und GPR55-Rezeptoren sowie T-Typ-Calciumkanäle. Über die Hemmung des Enzyms FAAH erhöht CBD außerdem den Spiegel körpereigener Endocannabinoide. Quellen: Vitale, Iannotti et al. 2021; Rohleder und Müller 2021

Diese Vielseitigkeit erklärt die unterschiedlichen Effekte: entzündungshemmend, krampfsenkend und in bestimmten Dosen angstlösend. Die entzündungshemmende Wirkung wird unter anderem auf eine Hemmung des Transkriptionsfaktors NF-κB und auf einen inversen Agonismus am CB2-Rezeptor zurückgeführt. Quellen: Jastrząb, Gęgotek et al. 2019

Unterschiede zu THC

Der entscheidende Unterschied: THC ist ein Partialagonist an CB1 und löst dort den typischen Rausch aus, CBD nicht. CBD gilt als nicht psychotrop. Beide Substanzen werden außerdem unterschiedlich verstoffwechselt: THC vor allem über CYP2C9 und CYP3A4, CBD über CYP2C19 und CYP3A4. Klinisch relevant ist, dass CBD selbst ein CYP-Hemmer ist und dadurch andere Arzneimittel beeinflussen kann — etwa Clobazam, dessen aktiver Metabolit unter CBD um ein Mehrfaches ansteigen kann. Quellen: Stout und Cimino 2014; Franco und Perucca 2019

Ob CBD die unerwünschten Effekte von THC zuverlässig abmildert, ist nach aktuellem Stand offen. Niedrige CBD-Dosen scheinen psychotrope THC-Effekte abzuschwächen, andere Studien fanden diesen Schutzeffekt nicht oder sahen sogar verstärkte Wirkungen. Quellen: Solowij, Broyd et al. 2019; Arkell, Lintzeris et al. 2019; Haney, Malcolm et al. 2016

Typische Anwendungsfelder

Am besten belegt ist CBD bei bestimmten therapieresistenten Epilepsien. Auf Basis kontrollierter Studien wurde ein CBD-Fertigarzneimittel als Zusatztherapie beim Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom zugelassen. Schwer betroffene Kinder zeigten dabei eine durchschnittliche Reduktion motorischer Krämpfe um etwa 36,5 %. Quellen: Devinsky et al. 2016; Devinsky et al. 2017; Tzadok, Uliel-Siboni et al. 2016

Bei Angststörungen zeigen mehrere placebokontrollierte Studien Effekte. In einem Simulationstest für öffentliches Sprechen reduzierten Einmalgaben von 300 mg bzw. 600 mg CBD die Angst signifikant gegenüber Placebo, höhere oder niedrigere Dosen jedoch nicht. Die Wirkung scheint also dosisabhängig in einem mittleren Bereich zu liegen. Eine vierwöchige Behandlung mit 300 mg CBD täglich verbesserte bei jungen Erwachsenen die soziale Angststörung. Quellen: Bergamaschi, Queiroz et al. 2011; Linares, Zuardi et al. 2019; Masataka 2019

Bei Entzündungen wirkt CBD in präklinischen Modellen deutlich, etwa über die Hemmung proinflammatorischer Zytokine wie IL-6, IL-8 und TNF-α. Aussagekräftige klinische Studien stehen für viele dieser Indikationen aber noch aus. Quellen: Petrosino, Verde et al. 2018

Wie eine Therapie konkret aussieht, hängt vom Einzelfall ab und gehört in die Hand der behandelnden Ärzt:in.

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Cannabis Wirkung und Nebenwirkungen im Überblick

Cannabisarzneimittel sind bei medizinisch indiziertem Gebrauch gut untersucht. Nebenwirkungen treten häufig auf, sind aber meist mild und vorübergehend. Schwere Verläufe sind selten und führen nur in einem Teil der Fälle zum Therapieabbruch. Art und Stärke der Effekte hängen stark von Dosis, Wirkstoff (THC, CBD) und Anwendungsform (oral, inhalativ) ab. Quellen: Hoch, Schneider et al. 2017; Schmidt-Wolf und Cremer-Schaeffer 2019

Häufige Nebenwirkungen

In der deutschen Begleiterhebung des BfArM mit über 16.000 Datensätzen wurde Müdigkeit als sehr häufige Nebenwirkung dokumentiert (rund 15 %). Häufig (1–10 %) traten außerdem auf:

  • Schwindel (ca. 9–10 %)
  • Mundtrockenheit (rund 5 %)
  • Übelkeit (rund 5 %)
  • Schläfrigkeit
  • Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen
  • Appetitsteigerung und Gewichtszunahme
  • Gleichgewichtsstörungen

Frauen berichten insgesamt etwas häufiger über Nebenwirkungen als Männer. Viele dieser Effekte sind dosisabhängig und nehmen im Therapieverlauf ab, vor allem wenn die Dosis langsam einschleichend gesteigert wird. Quellen: Schmidt-Wolf und Cremer-Schaeffer 2019; Cremer-Schaeffer 2019

Seltene, aber relevante Nebenwirkungen

Gelegentlich (unter 1 %) wurden in der Begleiterhebung auch ernstere Effekte gemeldet: Tachykardie, Palpitationen, Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Sinnestäuschungen, Dissoziation und Suizidgedanken. Solche psychotischen Reaktionen können in Einzelfällen auch bei niedrigen Dosen auftreten und sind nicht zu unterschätzen.

THC kann in höherer Dosierung Angst, Paranoia oder Psychosen auslösen. Erhöht ist das Risiko bei Personen mit familiärer psychotischer Vorbelastung. Auf das Herz-Kreislauf-System wirkt THC dosisabhängig: Es kann zu einem leichten Blutdruckabfall mit Reflextachykardie kommen. Bei kardial vorgeschädigten Patient:innen wurden in seltenen Fällen Myokard- oder Hirninfarkte beschrieben, vor allem bei sehr hoher Dosis oder rauchendem Konsum. Quellen: Schmidt-Wolf und Cremer-Schaeffer 2019; Rice und Cameron 2018; Thomas, Kloner et al. 2014; Jouanjus, Raymond et al. 2017

Wann ärztliche Rücksprache nötig ist

Nimm zeitnah Kontakt zu deiner behandelnden Ärzt:in auf, wenn unter der Therapie auftreten:

  • starkes Herzrasen, Brustschmerz oder Kreislaufschwäche
  • ausgeprägte Angst, Panik, Verwirrtheit oder Halluzinationen
  • anhaltende Übelkeit und Erbrechen
  • Stürze oder ausgeprägte Schläfrigkeit, die den Alltag beeinträchtigen
  • Hinweise auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Besondere Vorsicht gilt bei älteren Menschen: Viele Nebenwirkungen betreffen die Vigilanz und können die Sturzgefahr erhöhen. Auch die Teilnahme am Straßenverkehr und das Bedienen von Maschinen sollten individuell mit der behandelnden Ärzt:in besprochen werden. Quellen: Schmidt-Wolf und Cremer-Schaeffer 2019; Rice und Cameron 2018

Langzeit-Folgen von Cannabis-Konsum

Die Sorge vor Langzeitfolgen ist verständlich und gehört zu den häufigsten Punkten, die Erst-Patient:innen ansprechen. Wichtig ist eine saubere Trennung: Die meisten Daten zu Langzeitwirkungen stammen aus dem nicht-medizinischen Konsum (oft inhalativ, hohe THC-Dosen, früher Konsumbeginn). Für die ärztlich begleitete, meist orale Therapie mit niedrigen, titrierten Dosen sieht das Bild deutlich anders aus.

Toleranzentwicklung

Bei wiederholter Stimulation der CB1-Rezeptoren kann sich eine Toleranz gegenüber den psychotropen Effekten von THC entwickeln. In der medizinischen Anwendung ist dieses Phänomen jedoch nur schwach ausgeprägt: Langzeitbeobachtungen bei chronischen Schmerzpatient:innen zeigen über Jahre stabile Dosierungen ohne Wirkverlust. Quellen: Gorelick et al. 2013; Schimrigk et al. 2017

Abhängigkeitspotenzial

Beim regelmäßigen Freizeitkonsum entwickeln rund 27 % der Konsumierenden eine Cannabiskonsumstörung nach DSM-5. Erhöht ist das Risiko bei Männern, frühem Einstiegsalter und traumatischen Erfahrungen. Eine Abhängigkeit entsteht überwiegend bei inhalativem Konsum, da nur dort die kickartige Dopamin-Freisetzung erfolgt, die den „Suchtmotor" aktiviert. Unter oraler, ärztlich begleiteter Therapie wurde in der deutschen Begleiterhebung des BfArM bislang so gut wie kein Suchtverhalten dokumentiert. Quellen: Feingold et al. 2020; Schlag et al. 2021; Schmidt-Wolf & Cremer-Schaeffer 2019

Kognitive und psychische Langzeiteffekte

Nach chronischem Freizeitkonsum sind alltagsrelevante kognitive Defizite in der Regel innerhalb von vier Wochen nach Konsumstopp reversibel. Länger persistieren können Einschränkungen der Exekutivfunktionen, vor allem bei Konsumbeginn im Jugendalter. Regelmäßiger Konsum erhöht zudem das Risiko psychotischer Störungen bei biologisch prädisponierten Personen. Drei Faktoren wirken zusammen: Einstiegsalter, Konsumhäufigkeit und individuelle Veranlagung. Quellen: Pope et al. 2001; Grant et al. 2003; Hoch, Friemel et al. 2019; Di Forti et al. 2019

Wechselwirkungen mit Medikamenten

Cannabis ist kein Solist. Wer es als Arzneimittel nutzt, nimmt oft weitere Medikamente ein — und genau dort entscheidet sich, ob die Therapie reibungslos läuft. Die meisten Wechselwirkungen sind beherrschbar, einige solltest du aber kennen, bevor du startest.

Cytochrom-P450 und Cannabis

THC und CBD werden in der Leber abgebaut, vor allem über das Enzymsystem Cytochrom P450 (CYP). THC ist ein Substrat von CYP3A4 und CYP2C9. Starke CYP3A4-Hemmer wie Ketoconazol können die THC-Spitzenspiegel erhöhen, starke Induktoren wie Rifampicin senken sie. Klinisch sind diese Schwankungen meist gering, weil die individuelle Variabilität der THC-Plasmaspiegel ohnehin größer ist als die enzymbedingten Effekte.

CBD spielt eine andere Rolle: Es ist selbst ein relevanter Hemmer von CYP1A2, CYP2C9, CYP2C19, CYP2D6 und CYP3A4. Dadurch kann CBD die Blutspiegel anderer Wirkstoffe beeinflussen, die über diese Enzyme abgebaut werden. Quellen: Stott, White et al. 2013; Bouquié, Deslandes et al. 2018; Stout und Cimino 2014; Franco und Perucca 2019

Risikomedikamente: Blutverdünner, Antidepressiva, Antiepileptika

Drei Wirkstoffgruppen verdienen besondere Aufmerksamkeit:

  • Antiepileptika: Unter CBD steigt der Spiegel des aktiven Clobazam-Metaboliten Norclobazam um das 3- bis 5-Fache. Auch andere CYP2C9/2C19-Substrate wie Brivaracetam können sich anreichern.
  • Blutverdünner: Für Warfarin ist eine Spiegelerhöhung unter CBD beschrieben. Schon kleine Verschiebungen können hier die Blutungsneigung verändern.
  • Antidepressiva und Neuroleptika: Pharmakodynamisch addieren sich sedierende Effekte. Beim Rauchen von Cannabis kommt zusätzlich eine CYP1A2-Induktion durch Verbrennungsprodukte hinzu, die Wirkstoffe wie Duloxetin, Fluvoxamin, Clozapin oder Olanzapin schneller abbauen lässt. Beim Verdampfen tritt dieser Effekt praktisch nicht auf.

Eine schwere Interaktion ist außerdem für das Immunsuppressivum Tacrolimus unter hochdosiertem CBD dokumentiert. Quellen: Franco und Perucca 2019; Leino, Emoto et al. 2019; Yamaori et al. 2012

Worauf du bei Begleitmedikation achten solltest

Wenn du regelmäßig andere Medikamente nimmst, gehört eine vollständige Liste in deinen Fragebogen, inklusive frei verkäuflicher Präparate. Die behandelnde Ärzt:in prüft, ob Wechselwirkungen zu erwarten sind, und wählt Wirkstoff, Verhältnis und Einstieg passend dazu. Dosierungen werden grundsätzlich in Absprache mit der Ärzt:in festgelegt, nicht im Selbstversuch.

Themen im Überblick

Fünf vertiefende Folgeartikel erweitern die Wirkung von Cannabis auf die Aspekte, die für eine Therapie-Entscheidung relevant sind.

CBD-Wirkung im Detail

Wie CBD über 5-HT1A, TRPV-Kanäle und FAAH wirkt, wo die Studienlage robust ist (therapieresistente Epilepsien, soziale Angststörung) und wo offene Fragen bleiben.

Cannabis-Wirkung allgemein

Akute Wirkung im Überblick: psychische und körperliche Effekte von THC, Unterschiede zwischen Inhalation und oraler Einnahme sowie Wirkdauer und Wirkeintritt.

Nebenwirkungen

Häufige Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel und Mundtrockenheit, seltene aber relevante Effekte und konkrete Hinweise, wann eine ärztliche Rücksprache nötig ist.

Langzeitfolgen

Toleranz, Abhängigkeitspotenzial und kognitive Effekte sauber getrennt nach medizinischer und nicht-medizinischer Anwendung — was die Forschung wirklich zeigt.

Wechselwirkungen

Wie Cannabis mit Blutverdünnern, Antidepressiva, Antiepileptika und Immunsuppressiva interagiert — mit Schwerpunkt auf dem CYP-System und konkreten Risikomedikamenten.

Wie Cannabis im Körper verarbeitet wird: Aufnahme, Verteilung, Abbau

Ob du Cannabis inhalierst oder schluckst, macht für deinen Körper einen großen Unterschied. Der Aufnahmeweg entscheidet darüber, wie schnell die Wirkung einsetzt, wie hoch die Spitzenkonzentration im Blut ausfällt und wie lange Stoffwechselprodukte nachweisbar bleiben.

Aufnahme: Inhalation vs. orale Einnahme

Bei der Inhalation über einen medizinischen Vaporisator gelangen die Cannabinoide über die Lunge sehr schnell ins Blut. Eine Wirkung ist meist innerhalb von 1–2 Minuten spürbar, das Maximum wird nach etwa 15–30 Minuten erreicht. Die Plasmaspitzen (Cmax) liegen dabei deutlich höher als nach oraler Einnahme, in vergleichenden Untersuchungen rund 10- bis 20-fach. Die Bioverfügbarkeit von THC nach Inhalation schwankt erheblich, von wenigen Prozent bis etwa 60 %, abhängig von Inhalationsverhalten und Gerät. Quellen: Grotenhermen 2003; Huestis 2007; Abrams, Vizoso et al. 2007

Bei der oralen Einnahme (Kapseln, Öle) wird THC zwar fast vollständig resorbiert, durch den First-Pass-Effekt in der Leber gelangen aber nur etwa 10–20 % in den systemischen Kreislauf. Die maximale Plasmakonzentration wird erst nach etwa 0,5–4 Stunden erreicht, mit fettreicher Mahlzeit deutlich später. Die Wirkung tritt langsamer ein, hält dafür länger an. Eine oromukosale Anwendung (Mundspray) liegt in der Bioverfügbarkeit nahe an oralen Kapseln. Quellen: Huestis 2007; Karschner, Darwin et al. 2011; AbbVie Inc. 2017

Verteilung im Körper

THC ist stark fettlöslich. Nach der Aufnahme verteilt es sich zuerst in gut durchblutete Organe wie Lunge, Herz, Niere und Leber. Bei wiederholter Anwendung lagert sich THC zunehmend im Fettgewebe an. Tierexperimentell wurde die Konzentration im Fett nach mehreren Tagen 21- bis 64-fach höher gemessen als im Zentralnervensystem. Das Verteilungsvolumen ist mit etwa 32 l/kg sehr hoch. Aus diesen Speichern wird THC langsam wieder freigesetzt, was die Wirkdauer und die Nachweisbarkeit erklärt. Quellen: Badowski 2017; Huestis 2007

Abbau und Ausscheidung

Der Abbau erfolgt vor allem in der Leber über die Cytochrom-P450-Enzyme CYP2C9 und CYP3A4. Aus THC entsteht zunächst der aktive Metabolit 11-OH-THC, der etwas wirksamer ist als THC selbst und eine längere Halbwertszeit hat. Weiter abgebaut wird er zur inaktiven THC-Carbonsäure (THCA). Etwa 65 % der Stoffwechselprodukte werden über den Stuhl, rund 20 % über den Urin ausgeschieden, meist als wasserlösliche Glucuronid-Konjugate. Quellen: Badowski 2017; Stout und Cimino 2014; Huestis 2007

Wegen der hohen Fettlöslichkeit, der langsamen Freisetzung aus dem Fettgewebe und eines enterohepatischen Kreislaufs kann THC bei häufiger Anwendung noch mehrere Tage im niedrigen Bereich nachweisbar sein, ohne dass ein aktueller Konsum vorliegt. Im Haar lässt sich THC bis zu drei Monate nach der letzten Anwendung detektieren. Wirkungseintritt, Wirkdauer und Nachweisbarkeit lassen sich nur im Zusammenspiel von Darreichungsform, Dosis und individueller Pharmakokinetik beurteilen — und gehören in die ärztliche Einschätzung. Quellen: Huestis 2007; Karschner, Swortwood et al. 2016

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