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Ratgeber · Grundlagen

Medizinisches Cannabis: Grundlagen für Patient:innen verständlich erklärt

Grundlagen zu medizinischem Cannabis: Definition, Indica vs. Sativa, Cannabinoide, Terpene und der Entourage-Effekt — sachlich für Einsteiger:innen erklärt.

Aktualisiert
2026-04-28
Lesezeit
12 Minuten
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Medizinisches Cannabis: Grundlagen für Patient:innen verständlich erklärt

Wer sich mit den Grundlagen von medizinischem Cannabis beschäftigt, stößt schnell auf dieselben Fragen: Was ist rechtlich erlaubt, welche Darreichungsformen gibt es, wie wirken THC und CBD, und wie kommt eigentlich ein Rezept zustande? Dieser Leitfaden ordnet die wichtigsten Punkte ein und führt Schritt für Schritt durch die Cannabis-Basics — als Teil unseres Ratgebers. Er ist als Cannabis-Einstieg gedacht, ohne in Marketing-Sprech oder Fachjargon zu kippen.

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Zuverlässige und geprüfte medizinische Informationen, zusammengestellt von unserem Redaktionsteam und Apotheken

Die Grundlagen im Überblick

Medizinisches Cannabis ist seit dem 10. März 2017 in Deutschland regulär verschreibungsfähig. An diesem Tag trat das sogenannte Cannabisgesetz in Kraft, das die betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften und das Sozialgesetzbuch V angepasst hat. Seitdem dürfen approbierte Ärzt:innen Cannabisblüten, Cannabisextrakte und zugelassene Fertigarzneimittel auf einem Betäubungsmittelrezept verordnen, auch wenn diese keine arzneimittelrechtliche Zulassung als Fertigarzneimittel haben. Die Abgabe erfolgt ausschließlich über deutsche Apotheken in pharmazeutischer Qualität.

Diese Seite ist dein strukturierter Einstieg in das Thema. Wir bündeln hier die Grundlagen, die du als Patient:in oder Interessierte:r kennen solltest, bevor du in einzelne Aspekte tiefer einsteigst.

Worum geht es auf dieser Seite?

Du bekommst einen Überblick und Verlinkungen in vier vertiefende Folgeartikel:

  1. Definition — was medizinisches Cannabis ist und wie es sich von Freizeit-Cannabis unterscheidet.
  2. Indica und Sativa — was hinter den Begriffen steckt.
  3. Cannabinoide — THC, CBD und weitere Inhaltsstoffe der Pflanze.
  4. Terpene — die aromatischen Begleitstoffe und ihre mögliche Rolle.

Als roter Faden zieht sich der Entourage-Effekt durch alle vier Themen: die Hypothese, dass Cannabinoide und weitere Pflanzenstoffe in ihrer Wirkung zusammenspielen.

Für wen sind diese Grundlagen gedacht?

Für alle, die sich erstmals oder nach längerer Pause mit medizinischem Cannabis beschäftigen, egal ob du gerade über eine Therapie nachdenkst oder bereits Erfahrung hast. Die Inhalte sind bewusst laienverständlich und ersetzen keine ärztliche Beratung. Über deine konkrete Eignung entscheidet immer eine approbierte deutsche Ärzt:in im Einzelfall.

Was ist medizinisches Cannabis?

Medizinisches Cannabis ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, kein Genussmittel und kein Lifestyle-Produkt. Seit dem Cannabisgesetz vom 10. März 2017 dürfen approbierte Ärzt:innen in Deutschland Cannabisblüten, Cannabisextrakte und cannabinoidhaltige Fertigarzneimittel auf Betäubungsmittelrezept (BtM-Rezept) verordnen. Die Abgabe läuft ausschließlich über Apotheken, und die Qualität muss den Vorgaben des Deutschen Arzneibuchs (DAB) und des Europäischen Arzneibuchs (Ph. Eur.) entsprechen.

Definition und Abgrenzung zu Freizeit-Cannabis

Der wichtigste Unterschied zu Straßencannabis ist die standardisierte pharmazeutische Qualität. Medizinisches Cannabis wird unter kontrollierten Bedingungen angebaut, geprüft und freigegeben, in der Regel im Indoor-Anbau nach GACP- und GMP-Standards. Geprüft werden THC- und CBD-Gehalt, mikrobiologische Reinheit, Pestizid- und Schwermetallrückstände sowie Aflatoxine. Straßencannabis unterliegt keiner Qualitätskontrolle: Konsument:innen können dort weder den Wirkstoffgehalt zuverlässig einschätzen noch Verunreinigungen ausschließen. Der Begriff „Marihuana" wird in der Fachliteratur ausdrücklich nur für den nicht-medizinischen Gebrauch verwendet, gerade um diese Abgrenzung deutlich zu machen.

Darreichungsformen im Überblick

Bei medizinischem Cannabis kommt eine ungewöhnlich große Vielfalt an Darreichungsformen zum Einsatz:

  • Cannabisblüten zur Inhalation per Vaporisator oder zur Teezubereitung
  • Cannabisextrakte, meist ölige Lösungen auf Basis mittelkettiger Triglyceride, eingestellt auf einen definierten THC- und CBD-Gehalt (laut DAB-Monographie THC zwischen 1 und 25 %)
  • Dronabinol-Zubereitungen als Kapseln, ölige Tropfen oder ethanolische Inhalationslösung — Dronabinol ist (teil-)synthetisches THC
  • Cannabisbasierte Fertigarzneimittel, in der EU derzeit Sativex®, Canemes® und Epidyolex®

Die meisten dieser Produkte werden in der Apotheke als Rezeptur- oder Defekturarzneimittel individuell für die Patient:in hergestellt. Laut einer Sonderbeilage zur GKV-Arzneimittel-Schnellinformation waren das im ersten Halbjahr 2021 rund 78 % aller Cannabisverordnungen in Deutschland.

Rechtlicher Rahmen in Deutschland

Cannabis ist im Betäubungsmittelgesetz (BtMG) gleichzeitig in Anlage I (nicht verkehrsfähig) und Anlage III (verkehrs- und verschreibungsfähig zu medizinischen Zwecken) gelistet. Diese Doppelstellung erlaubt die medizinische Nutzung und schließt zugleich den Freizeitkonsum auf Rezept aus. Die Verordnung erfolgt auf BtM-Rezept und unterliegt der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtMVV). Verschreiben dürfen ausschließlich approbierte Ärzt:innen — Zahn- und Tierärzt:innen sind ausgeschlossen. Eine Beschränkung auf bestimmte Facharztgruppen besteht nicht. Innerhalb von 30 Tagen darf eine Ärzt:in pro Patient:in maximal 100 000 mg Cannabisblüten, 1000 mg Cannabisextrakt (bezogen auf den THC-Gehalt) oder 500 mg Dronabinol verordnen. Die Erstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung ist in § 31 Abs. 6 SGB V geregelt und muss vor der ersten Verordnung beantragt werden — außer bei zugelassenen Fertigarzneimitteln innerhalb ihrer Indikation.

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Indica vs. Sativa — der Unterschied

„Indica" und „Sativa" sind die wohl bekanntesten Begriffe rund um Cannabis. In der Praxis werden sie oft anders verwendet, als die Botanik es vorsieht. Hier ein nüchterner Überblick, was hinter der Einteilung steckt und warum sie heute mit Vorsicht zu lesen ist.

Botanische Herkunft

Unter Taxonom:innen herrscht weitgehend Konsens, Cannabis sativa L. als eine einzige Art mit Unterarten zu verstehen. Die historische Unterscheidung geht auf den französischen Botaniker Jean-Baptiste Lamarck zurück, der 1783 den „Indischen Hanf" (Cannabis indica) vom in Europa angebauten Cannabis sativa abgrenzte. Eine spätere Einteilung nach Small und Cronquist (1976) trennt vor allem nach THC-Gehalt: Pflanzen mit weniger als 0,3 % THC gelten als Faser-/Industriehanf (subsp. sativa), Pflanzen mit deutlich mehr THC als Drogentyp (subsp. indica). Quellen: Small & Cronquist 1976; McPartland & Small 2020

Typische Wirkprofile

Im Sprachgebrauch werden „Sativa" und „Indica" oft den Wirkqualitäten zugeschrieben — aktivierend versus entspannend. Die Studienlage stützt diese strikte Zuordnung allerdings nur bedingt. Eine Untersuchung an 460 Akzessionen zeigte zwar Unterschiede in einzelnen Terpenmustern (z. B. Terpinolen eher Sativa-Typ; Myrcen, Guaiol eher Indica-Typ), nicht aber im durchschnittlichen Gehalt der Leitcannabinoide THC und CBD. McPartland und Small kritisieren entsprechend, dass Sorten häufig willkürlich nach THC:CBD-Verhältnis als „Indica" oder „Sativa" etikettiert werden, ohne dass Genetik oder Taxonomie das widerspiegeln. Quellen: Hazekamp, Tejkalová et al. 2016; McPartland & Small 2020

Hybride und moderne Sorten

Die meisten heute medizinisch genutzten Kultivare sind ohnehin Hybride aus Kreuzungen der beiden Drogentyp-Gruppen. Wissenschaftlich aussagekräftiger als das Indica/Sativa-Label ist die Einteilung in Chemotypen nach dem Verhältnis von THC zu CBD: Typ I (THC-dominant), Typ II (THC ≈ CBD) und Typ III (CBD-dominant). Aussagekräftig ist zusätzlich das individuelle Terpenprofil. Für die Auswahl einer Sorte zählen also weniger Etiketten wie „Indica" oder „Sativa", sondern konkrete Inhaltsstoff-Spezifikationen, die deine Ärzt:in im Einzelfall berücksichtigt. Quellen: Schilling, Dowling et al. 2021; de Meijer et al. 2003

Terpene — die Aromaträger der Cannabispflanze

Was sind Terpene?

Terpene sind aromatische Pflanzenstoffe, die in der Pflanzenwelt weit verbreitet sind und Cannabis seinen charakteristischen Geruch geben. In Cannabis sativa wurden bisher über 200 flüchtige Verbindungen beschrieben; Mono- und Sesquiterpene können etwa 2 bis 5 % des Trockengewichts der Blüten ausmachen. Gebildet werden sie zusammen mit den Cannabinoiden in den Drüsenhaaren der weiblichen Blüte, den Trichomen. In der Pflanze haben Terpene Schutzfunktionen gegen Fraßfeinde und Mikroorganismen; außerhalb der Medizin werden sie unter anderem in Parfums und Kosmetika genutzt. Quellen: Sommano, Chittasupho et al. 2020; Gonçalves, Baldasso et al. 2020

Wichtige Vertreter: Myrcen, Limonen, Pinen, Linalool

Vier Monoterpene tauchen in Cannabis besonders häufig auf:

  • β-Myrcen ist oft das mengenmäßig dominierende Terpen und wird mit sedierenden, „couch-lock"-artigen Effekten in Verbindung gebracht.
  • D-Limonen kennt man aus Zitrusölen, besitzt eine hohe Bioverfügbarkeit und kann mit geringer Affinität an Cannabinoid-Rezeptoren binden.
  • α-Pinen verleiht ein harzig-frisches Aroma und zeigte im Humanversuch bronchodilatierende Effekte.
  • D-Linalool kommt konzentriert im Lavendel vor und gilt als beruhigend; im Tiermodell reduzierte es nach einstündiger Inhalation die Motilität deutlich. Quellen: Sommano, Chittasupho et al. 2020; Buchbauer, Jirovetz et al. 1993; Rao, Menezes et al. 1990; Falk, Hagberg et al. 1990

Terpene und sensorisches Profil

Das Terpenmuster prägt Geruch und Geschmack einer Sorte und unterscheidet — zusammen mit den Cannabinoiden — Indica- von Sativa-Typen. Diskutiert wird zudem, ob Terpene die Wirkung der Cannabinoide modulieren können, der sogenannte Entourage-Effekt. Diese synergistische Aktivität gilt als plausibel, ist aber wissenschaftlich noch nicht abschließend belegt. In den heute medizinisch eingesetzten Extrakten sind die eigenständigen Effekte der Terpene laut Fachliteratur eher schwach und werden vermutlich von der Wirkung der Cannabinoide überdeckt. Trotzdem ist das Terpenprofil ein relevantes Qualitätsmerkmal und in einigen Fällen bereits Bestandteil der Qualitätskontrolle. Quellen: McPartland und Russo 2001; Russo 2011; Hazekamp, Tejkalová et al. 2016

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Cannabinoide — die Wirkstoffe der Pflanze

Cannabinoide sind die pharmakologisch aktiven Hauptinhaltsstoffe der Cannabispflanze. Sie entstehen in winzigen Drüsenhaaren, den Trichomen, vor allem auf den weiblichen Blüten. Frisch gebildet liegen sie als unwirksame Säuren vor (z. B. THCA, CBDA) und werden erst durch Trocknung oder Erhitzen in ihre aktive Form überführt — diesen Schritt nennt man Decarboxylierung. Bisher sind rund 150 Phytocannabinoide bekannt; pharmakologisch am besten untersucht sind THC und CBD.

THC und CBD im Überblick

THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) sind die mengenmäßig häufigsten Cannabinoide. THC ist der wichtigste psychotrope Inhaltsstoff und wirkt als Partialagonist am CB1-Rezeptor — daran hängen die meisten seiner zentralen Effekte. CBD ist nicht psychotrop. Es bindet nur schwach an CB1 und CB2, beeinflusst aber zahlreiche andere Zielstrukturen wie 5-HT1A-, TRPV- oder PPAR-Rezeptoren und gilt als entzündungshemmend. In der Praxis werden Pflanzen heute gezielt nach ihrem THC/CBD-Verhältnis (Chemotyp I–III) gezüchtet.

Weniger bekannte Cannabinoide: CBG, CBN, THCV

Neben THC und CBD enthält Cannabis viele Begleitcannabinoide, deren klinische Bedeutung erst in Ansätzen verstanden ist:

  • CBG (Cannabigerol) ist die biochemische Vorläufersubstanz vieler anderer Cannabinoide, nicht psychotrop, und zeigt in Tierversuchen unter anderem α2-adrenerge und 5-HT1A-modulierende Effekte mit möglichem Potenzial bei Schmerzen.
  • THCV (Tetrahydrocannabivarin) verhält sich dosisabhängig: in niedriger Dosis als CB1-Antagonist, in höherer Dosis eher wie ein CB1-Agonist; in vitro aktiviert es zudem TRPV1- und TRPV2-Kanäle.
  • CBDV (Cannabidivarin) ist ein nicht psychotropes Propylanalogon des CBD und moduliert verschiedene TRP-Kanäle.

Belastbare Humanstudien sind bisher selten, vieles stammt aus Zell- und Tiermodellen. Quellen: Pertwee 2008; Rohleder und Müller 2021; Cascio et al. 2010; De Petrocellis et al. 2011

Endocannabinoid-System und Rezeptoren

Pflanzliche Cannabinoide wirken, weil unser Körper ein eigenes Andocksystem besitzt: das Endocannabinoid-System (ECS). Es besteht aus zwei Hauptrezeptoren — CB1 überwiegend im Nervensystem, CB2 überwiegend im Immunsystem — sowie körpereigenen Botenstoffen (vor allem Anandamid/AEA und 2-AG) und den Enzymen, die diese Botenstoffe auf- und abbauen. Vereinfacht arbeitet das ECS wie eine neurochemische Bremse: Bei zu starker neuronaler Aktivität werden Endocannabinoide bedarfsweise freigesetzt und dämpfen die Signalübertragung Richtung Gleichgewicht. So beeinflusst das System Stimmung, Stress, Schmerzwahrnehmung, Appetit, Schlaf und Immunantwort. THC dockt direkt an CB1 an, CBD wirkt eher indirekt über andere Bindungsstellen. Das erklärt einen Teil der unterschiedlichen Wirkprofile beider Substanzen. Quellen: Herdegen 2020; Zou und Kumar 2018; Kano et al. 2009

Themen im Überblick

Vier vertiefende Folgeartikel führen aus diesen Grundlagen heraus — von der Definition über die Pflanzenvarianten bis zu den Inhaltsstoffen.

Was ist medizinisches Cannabis?

Definition, Abgrenzung zu Freizeit-Cannabis, Darreichungsformen und der rechtliche Rahmen in Deutschland — die zentralen Begriffe, mit denen jede Cannabis-Therapie beginnt.

Indica vs. Sativa — der Unterschied

Was hinter den beiden bekanntesten Cannabis-Begriffen steckt, warum die strikte Wirkzuschreibung „aktivierend versus entspannend" wissenschaftlich nur bedingt hält und welche Klassifikation in der Praxis aussagekräftiger ist.

Cannabinoide im Detail

THC, CBD, CBG, CBN und THCV im Überblick: Wirkmechanismus, Studienlage und das Endocannabinoid-System als gemeinsame Schaltzentrale aller Cannabinoide.

Terpene — die Aromaträger

Myrcen, Limonen, Pinen, Linalool & Co.: Was Terpene in Cannabis bewirken, wie sie das sensorische Profil prägen und welche Rolle sie im Entourage-Effekt spielen können.

Wie hängt das alles zusammen — der Entourage-Effekt

Du hast jetzt einzelne Bausteine kennengelernt: THC, CBD, weitere Cannabinoide, Terpene. Bleibt die Frage, ob sie gemeinsam mehr leisten als für sich allein. Genau darum geht es beim Entourage-Effekt.

Definition des Entourage-Effekts

„Entourage" kommt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „Gefolge". Geprägt wurde der Begriff im Cannabis-Kontext 1998 von Raphael Mechoulam und Kolleg:innen. Gemeint sind alle erwünschten Begleiteffekte einer Cannabis-Therapie, die nicht direkt von THC oder CBD allein stammen, sondern von Spurencannabinoiden, Terpenen oder weiteren Pflanzenstoffen, die das Wirkprofil ergänzen, Nebenwirkungen abschwächen oder zur Stabilität einer Zubereitung beitragen können. Quellen: Mechoulam, Fride et al. 1998; Ben-Shabat, Fride et al. 1998

Zusammenspiel von Cannabinoiden und Terpenen

Am besten untersucht ist das Zusammenspiel zwischen THC und CBD: CBD kann anxiolytisch und antipsychotisch wirken und die Verstoffwechselung von THC zum stärker psychoaktiven 11-OH-THC bremsen. In einer Studie an Patient:innen mit opioidresistenten Krebsschmerzen führte ein THC/CBD-Extrakt zu einer Schmerzverbesserung von rund 30 % gegenüber Placebo, während ein THC-reicher Extrakt ohne CBD diesen Effekt nicht erreichte. Auch für Terpene wie β-Myrcen, Limonen, Linalool oder β-Caryophyllen werden synergistische und additive Effekte diskutiert. So zeigte unfraktioniertes ätherisches Cannabisöl eine stärkere entzündungshemmende Wirkung als seine Einzelbestandteile. Quellen: Russo und Guy 2006; Johnson, Burnell-Nugent et al. 2010; Evans, Formukong et al. 1987; McPartland und Russo 2001; Russo 2011

Vollspektrum vs. Isolat

Praktisch begegnen dir zwei Welten. Isolate sind Reinsubstanzen, etwa hochreines CBD oder Dronabinol — chemisch klar definiert, aber ohne Begleitstoffe. Vollspektrumextrakte dagegen enthalten neben THC und CBD auch weitere Cannabinoide, Terpene und Flavonoide aus der Pflanze. Im Deutschen Arzneibuch ist der „Eingestellte Cannabisextrakt" seit 2020 monographiert. Fachlich wäre der Begriff „Breitspektrumextrakt" präziser, weil das genaue Inhaltsstoffmuster vom Extraktionsverfahren abhängt; durchgesetzt hat sich aber „Vollspektrum".

Stand der Forschung

Der Entourage-Effekt ist eine plausible, aber noch nicht abschließend belegte Hypothese. Befürworter wie Russo argumentieren, dass die Vielzahl an Pflanzenstoffen das therapeutische Profil verbreitert. Andere Arbeiten konnten dagegen keine direkte Modulation der CB1- und CB2-Rezeptoren durch typische Cannabis-Terpene nachweisen. Welche Patient:in von einem Vollspektrum-Präparat oder eher von einem Isolat profitiert, entscheidet die behandelnde Ärzt:in im Einzelfall. Quellen: Russo 2019; Santiago, Sachdev et al. 2019

Empfohlene Leserichtung für Einsteiger:innen

Medizinisches Cannabis ist ein vielschichtiges Thema. Wer sich zum ersten Mal damit beschäftigt, stößt schnell auf Begriffe wie Indica, Sativa, Cannabinoide, Terpene oder Entourage-Effekt, und es ist nicht immer klar, womit man anfangen soll. Damit du dich in Ruhe einarbeiten kannst, schlagen wir dir eine Reihenfolge in vier Schritten vor. Sie folgt der Logik, in der auch Fachliteratur das Thema aufbaut: erst das Was, dann das Woher, dann die Inhaltsstoffe und am Ende das Zusammenspiel.

Schritt 1: Definition verstehen

Beginne mit der Frage, was medizinisches Cannabis überhaupt ist und worin es sich von anderen Cannabisformen unterscheidet. Zentral ist die Abgrenzung zu Straßencannabis: Medizinalcannabis ist kontrolliert angebaut, qualitätsgeprüft, in seiner Zusammensetzung definiert und wird über deutsche Apotheken auf ärztliche Verschreibung abgegeben. Straßencannabis ist in Herkunft, Reinheit und THC-Gehalt für Konsument:innen meist nicht zuverlässig einzuschätzen.

In diesem Schritt lernst du auch, dass Cannabis schon seit etwa 3000 v. Chr. therapeutisch eingesetzt wurde und damit eine alte Arzneipflanze ist. Das hilft, mit dem Stigma umzugehen, das viele Patient:innen zu Beginn empfinden.

Schritt 2: Pflanzen-Varianten

Im zweiten Schritt geht es um die Pflanze selbst. Du erfährst, was hinter den Bezeichnungen „Indica" und „Sativa" steckt, warum diese Begriffe in der Praxis uneinheitlich verwendet werden und welche Rolle moderne Kultivare spielen. Hier wird auch klar, warum verschiedene Sorten als jeweils individuelle Wirkstoffe zu betrachten sind und nicht einfach gegeneinander ausgetauscht werden dürfen.

Schritt 3: Wirkstoffe und Aromen

Im dritten Schritt lernst du die Inhaltsstoffe kennen: Cannabinoide wie THC und CBD, weitere Phytocannabinoide sowie Terpene, die für Geruch und Geschmack verantwortlich sind. Bisher wurden über einhundert Cannabinoide identifiziert, am häufigsten kommen THCA, CBDA und CBNA vor. Hinzu kommen Flavonoide und weitere Sekundärstoffe. Dieser Schritt erklärt, warum nicht nur THC und CBD wichtig sind, sondern auch das Gesamtprofil der Pflanze.

Schritt 4: Zusammenspiel begreifen

Wenn die einzelnen Bausteine klar sind, ergibt der vierte Schritt Sinn: das Zusammenspiel von Cannabinoiden und Terpenen, oft als Entourage-Effekt bezeichnet. Hier wird beschrieben, wie das Profil der Phytocannabinoide nicht nur die erwünschte Wirkung, sondern auch die Häufigkeit von Nebenwirkungen beeinflussen kann. Mit diesem Hintergrund verstehst du besser, warum Patient:innen mit chronischen Schmerzen unter verschiedenen Kultivaren teils sehr unterschiedliche Erfahrungen machen. Quellen: Aviram, Lewitus, Pud et al. 2021; McPartland und Small 2020; Hazekamp, Tejkalová et al. 2016

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