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Symptome

Cannabis bei Spastik: Studienlage und ärztliche Einordnung

Cannabis bei Spastik bei MS, Schlaganfall oder Querschnittlähmung — Studienlage zu Nabiximols, THC und CBD sowie ärztliche Einordnung der Therapie.

Aktualisiert
2026-04-28
Lesezeit
8 Minuten
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Cannabis bei Spastik: Studienlage und ärztliche Einordnung

Wer zum Stichwort Cannabis bei Spastik recherchiert, hat meist konkrete Fragen: Bringt das überhaupt etwas? Was ist mit Multipler Sklerose, was mit einer Querschnittlähmung? Wie groß ist der Unterschied zu einer normalen Muskelverspannung — und was sagt die Forschung wirklich? Dieser Artikel ordnet die wichtigsten Punkte ein, ohne mehr zu versprechen, als die Datenlage hergibt — als Teil unserer Symptom-Übersicht; siehe auch die Wirkstoffe THC und CBD sowie chronische Schmerzen als häufige Begleiterkrankung.

HealGreen Redaktionsteam

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Spastik verstehen: Symptome, Ursachen und Abgrenzung

Was ist Spastik – und was unterscheidet sie von Muskelverspannungen?

Spastik ist keine einfache Verspannung. Sie ist Teil des Syndroms des oberen Motoneurons und entsteht, wenn die Nervenbahnen vom Gehirn zum Rückenmark geschädigt sind. Das Kennzeichen: ein dauerhaft erhöhter Muskeltonus und enthemmte Dehnungsreflexe. Vereinfacht gesagt fehlen dem Rückenmark die hemmenden Signale aus dem Gehirn, sodass schon kleine Reize eine übermäßige Muskelanspannung auslösen.

Klinisch zeigt sich das als Steifigkeit, eingeschränkte Beweglichkeit, schmerzhafte Spasmen, Kloni und langfristig Kontrakturen. Eine alltägliche Muskelverspannung im Sinne einer harmlosen Verhärtung legt sich nach Ruhe oder Wärme. Eine Spastik nicht — sie ist neurologisch verankert und wird oft mit der modifizierten Ashworth-Skala erfasst, auch wenn diese nur einen Teilaspekt abbildet. Quellen: Brown 1994; Nielsen et al. 2007; Pandyan et al. 1999

Typische Auslöser: MS, Schlaganfall, Querschnittlähmung

Spastik kann bei jeder Erkrankung auftreten, die die oberen motorischen Bahnen schädigt. Besonders häufig betrifft sie Menschen mit Multipler Sklerose (MS), nach einem Schlaganfall oder nach einer Rückenmarksverletzung. In MS-Kohorten berichten rund die Hälfte bis zwei Drittel der Patient:innen über spastische Symptome, oft mit deutlichem Einfluss auf Mobilität und Lebensqualität. Quellen: Barnes et al. 2003; Oreja-Guevara et al. 2013

Schema des Syndroms des oberen Motoneurons mit den klinischen Merkmalen einer Spastik
Spastik ist Teil des Syndroms des oberen Motoneurons – mit erhöhtem Muskeltonus, gesteigerten Reflexen und schmerzhaften Spasmen. Quelle · Fig. 20.1 Clinical features of the upper motor neuron syndrome (Pertwee, Handbook of Cannabis 2014, S. 413)

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Cannabis und das Endocannabinoid-System bei Spastik

Warum landet Cannabis bei Spastik überhaupt im Blickfeld der Forschung? Die Antwort liegt in einem körpereigenen Signalsystem, das jeder Mensch besitzt: dem Endocannabinoid-System (ECS). Es wirkt wie eine neurochemische Bremse und hilft, übersteigerte Nervenaktivität wieder in Richtung Gleichgewicht zu bringen. Genau dort, wo bei einer Spastik etwas aus dem Takt geraten ist, setzen pflanzliche Cannabinoide wie THC und CBD an.

CB1- und CB2-Rezeptoren im Nervensystem

Im Kern besteht das Endocannabinoid-System aus zwei Rezeptortypen: CB1 und CB2. Vereinfacht gehört CB1 zum Nervensystem, CB2 eher zum Immunsystem. CB1 ist einer der häufigsten Rezeptoren im Gehirn und findet sich besonders dicht in Basalganglien, Cerebellum, limbischem System und in den Kerngebieten der Schmerzbahn. Auch im Rückenmark, im spinalen Hinterhorn, ist CB1 vertreten. Quellen: Kano, Ohno-Shosaku et al. 2009; Katona und Freund 2008

Wird CB1 aktiviert, hemmt er die Erregbarkeit von Nervenzellen. Er drosselt die Freisetzung wichtiger Botenstoffe wie Glutamat (erregend) und GABA (hemmend), aber auch von Acetylcholin, Serotonin, Dopamin und Noradrenalin. Dieser Mechanismus wird als „retrograde Filterfunktion" beschrieben: Endocannabinoide entstehen bei intensiver Stimulation und wirken zurück auf das vorgeschaltete Neuron, das daraufhin weniger Signal weitergibt. Quellen: Cohen, Weizman et al. 2019; Moreira und Lutz 2008; Katona und Freund 2008

Wie Cannabinoide den Muskeltonus beeinflussen können

Das ECS gilt als wichtiger physiologischer Modulator von Bewegung und Muskeltonus. Unter normalen Bedingungen bremst es Bewegungen und senkt überschießenden Muskeltonus. CB1-Agonisten – dazu zählt auch THC als Partialagonist am CB1-Rezeptor – können daher unwillkürliche Hyperkinesien dämpfen und einen erhöhten Muskeltonus reduzieren. Quellen: Koppel 2015; Pertwee 2008

Ein zentraler Angriffspunkt THC-dominierter Cannabisarzneimittel sind die Basalganglien, die eine besonders hohe CB1-Dichte aufweisen und an der Steuerung der Motorik beteiligt sind. Aus der Klinik gibt es Hinweise, dass medizinische Cannabinoide spastische Symptome bessern können. Metaanalysen zur Spastizität bei Multipler Sklerose und anderen Paraplegien zeichnen allerdings ein gemischtes Bild – die Studienlage dazu folgt im nächsten Abschnitt. Quellen: Da Rovare, Magalhães et al. 2017; Gottschling, Ayonrinde et al. 2020

Bemerkenswert: Die Wirkung der Endocannabinoide folgt einer Art „physiologischer use dependence" – sie greift umso stärker, je weiter ein System aus seinem Gleichgewicht geraten ist. Diese Spezifität trägt zur therapeutischen Breite medizinischer Cannabinoide bei, ersetzt aber keine individuelle ärztliche Einschätzung. Ob und in welcher Form Cannabis bei Spastik infrage kommt, hängt immer von der Grunderkrankung, den Vortherapien und Begleitfaktoren ab.

Cannabisbasierte Arzneimittel bei Spastik: Nabiximols und Co.

In Deutschland stehen bei Spastik im Wesentlichen zwei Wege offen: ein zugelassenes Fertigarzneimittel auf Basis von Nabiximols sowie individuell hergestellte Rezepturen mit Cannabisblüten oder Cannabisextrakten, die seit dem Cannabisgesetz von 2017 verordnungsfähig sind.

Nabiximols als Mundspray bei MS-bedingter Spastik

Nabiximols ist eine standardisierte Kombination aus zwei Cannabis-Dickextrakten – einem THC- und einem CBD-Chemotyp – und wird als Spray in die Mundhöhle gesprüht. Ein Sprühstoß enthält 2,7 mg THC und 2,5 mg CBD. Zugelassen ist das Präparat als Zusatzbehandlung bei mittelschwerer bis schwerer Spastik aufgrund von Multipler Sklerose, wenn andere antispastische Therapien nicht ausreichend wirken und sich in einem Anfangstherapieversuch eine klinisch erhebliche Verbesserung zeigt. Leitlinien zum spastischen Syndrom empfehlen Nabiximols als Add-on bei therapieresistenter MS-Spastik. Quellen: Fessler 2011; Platz 2018

Cannabisblüten und Cannabisextrakte als weitere Optionen

Bei Unverträglichkeit oder unzureichender Wirkung können Ärzt:innen im Rahmen des Cannabisgesetzes auch Cannabisblüten, Cannabisextrakte oder Dronabinol-Zubereitungen verordnen – bei Spastik dann allerdings im Off-Label-Bereich, der in der Regel einen Antrag auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse erfordert. Die BfArM-Begleiterhebung zeigt, dass bis zu 45,5 % der Patient:innen mit Spastik beziehungsweise Multipler Sklerose vor dem Wechsel zu Cannabisblüten zuvor mit Nabiximols behandelt worden waren. Welche Form sinnvoll ist – Spray, Blüten oder Extrakt mit definiertem THC:CBD-Verhältnis – entscheidet die behandelnde Ärzt:in im Einzelfall. Quellen: BfArM-Begleiterhebung 2022

Studienlage: Was die Forschung zu Cannabis bei Spastik zeigt

Die Forschung zu Cannabis bei Spastik konzentriert sich seit Jahren stark auf Multiple Sklerose. Bei anderen Ursachen ist die Datenlage dünner und weniger einheitlich.

Klinische Studien bei MS-Spastik

Für MS-bedingte Spastik liegen mehrere randomisierte, placebokontrollierte Studien vor, vor allem zum THC/CBD-Mundspray Nabiximols und zu oralem THC. In der CAMS-Studie mit über 600 MS-Patient:innen zeigten die Cannabinoid-Arme bei mehr als der Hälfte der Behandelten eine spürbare Symptomverbesserung. Spätere Arbeiten wie Collin et al. 2007 und Novotna et al. 2011 (mit der SAVANT-Folgestudie Markovà et al. 2019) belegen, dass Nabiximols als Add-on bei therapieresistenter MS-Spastik die patientenberichtete Spastik-Stärke senken kann. In der Metaanalyse von Whiting et al. 2015 erreichten rund 35 % der Sativex-Behandelten eine ≥30 %-Verbesserung gegenüber 24 % unter Placebo. Auf diese Evidenzbasis stützen sich die EMA-Zulassung von Nabiximols 2011 sowie die Empfehlung der DGN-Leitlinie zum spastischen Syndrom. Quellen: Zajicek et al. 2003; Whiting et al. 2015; Collin et al. 2007; Novotna et al. 2011; Markovà et al. 2019

Evidenz bei Querschnittlähmung und anderen Indikationen

Für Spastik nach Rückenmarksverletzung (Paraplegie) sind die Daten deutlich knapper. Whiting et al. identifizierten nur drei Studien, von denen keine ausreichend Daten für eine quantitative Auswertung lieferte. NASEM 2017 stuft die Evidenz hier als geringer ein. Bei spastischen Kindern blieb eine Nabiximols-Studie ohne therapeutischen Effekt. Quellen: Whiting et al. 2015; NASEM 2017; Fairhurst et al. 2020

Grenzen der aktuellen Datenlage

Wenige RCTs, kleine Fallzahlen und uneinheitliche Messinstrumente begrenzen die Aussagekraft – die häufig genutzte Ashworth-Skala gilt als wenig sensitiv. Die deutsche BfArM-Begleiterhebung dokumentiert zwar bei über 80 % der Spastik-Patient:innen eine subjektive Besserung, ist aber keine kontrollierte Studie und ersetzt keinen Wirksamkeitsnachweis. Quellen: NASEM 2017; BfArM-Begleiterhebung 2022

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Untersuchte Cannabinoide: THC, CBD und ihr Zusammenspiel

Cannabis enthält über 150 Cannabinoide. In Spastik-Studien stehen vor allem zwei davon im Fokus: THC und CBD – einzeln und in Kombination.

THC: psychoaktiver Hauptwirkstoff

THC (Tetrahydrocannabinol) ist der mengenmäßig größte psychotrope Inhaltsstoff der Cannabispflanze und wirkt als Partialagonist an den körpereigenen CB1- und CB2-Rezeptoren. Klinisch wird beobachtet, dass überwiegend orales THC die Spastizität bei guter Verträglichkeit substanziell bessern und die vorbestehende spasmolytische Medikation reduzieren kann. Quellen: Pertwee 2008; Gottschling, Ayonrinde et al. 2020

CBD: nicht-berauschend, modulierend

CBD (Cannabidiol) wirkt nicht psychotrop. Es hat eine sehr niedrige Affinität zu CB1/CB2 und moduliert stattdessen Serotonin-, TRPV- und PPAR-Rezeptoren. Beschrieben werden anxiolytische, antiinflammatorische und antioxidative Effekte. Quellen: Pertwee 2008; Russo und Guy 2006

Entourage-Effekt von Vollspektrum-Extrakten

Der 1998 von Mechoulam geprägte Begriff beschreibt das Zusammenspiel von THC, CBD, weiteren Cannabinoiden und Terpenen in Vollspektrum-Extrakten. Eine THC:CBD-Kombination im Verhältnis 1:1 schneidet in einer Nutzen-Risiko-Abwägung geringfügig besser ab als reines THC. Die populäre Aussage, CBD unterdrücke die unerwünschten Effekte von THC, ist in dieser plakativen Form allerdings nicht haltbar – aktuelle Studien zeichnen ein differenzierteres Bild. Quellen: Mechoulam, Fride et al. 1998; Nutt, Phillips et al. 2021; Solowij, Broyd et al. 2019

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Rolle der Ärzt:in: Therapie-Wahl und Sicherheit

Eine Cannabis-Therapie bei Spastik ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist eine ärztliche Einzelfall-Entscheidung, die immer auf deine konkrete Situation, deine Vortherapien und deine Begleitmedikation schaut.

Wann kommt Cannabis bei Spastik in Frage?

In der Regel dann, wenn etablierte Therapien nicht ausreichend wirken oder schlecht vertragen werden. Für mittelschwere bis schwere Spastik bei Multipler Sklerose ist Nabiximols als Add-on zugelassen, wenn andere antispastische Arzneimittel keine ausreichende Linderung bringen. Erst bei Unverträglichkeit oder unzureichender Wirkung kommen ärztlich verordnete Cannabisblüten oder -extrakte in Betracht. Die Begleiterhebung des BfArM zeigt, dass bis zu 45,5 % der Patient:innen mit Spastik oder MS vor Cannabisblüten zunächst mit Nabiximols behandelt wurden. Quellen: Platz 2018; Schmidt-Wolf und Cremer-Schaeffer 2019

Wechselwirkungen mit Antispastika und anderen Medikamenten

Pharmakokinetische Interaktionen von THC sind meist gering ausgeprägt; klinisch relevanter ist die Verstärkung sedierender Effekte zusammen mit anderen Neuropharmaka. CBD hemmt mehrere CYP-Enzyme (u. a. CYP2C9, CYP2C19, CYP3A4) und kann Spiegel von Wirkstoffen wie Clobazam, Warfarin oder Tacrolimus deutlich erhöhen. Eine vollständige Medikamentenliste ist deshalb für die ärztliche Prüfung entscheidend. Quellen: Stott, White et al. 2013; Franco und Perucca 2019; Leino, Emoto et al. 2019

Bei HealGreen läuft die ärztliche Prüfung asynchron und schriftlich: Du füllst den digitalen Fragebogen aus, eine approbierte deutsche Ärzt:in prüft deine Angaben im Rahmen einer telemedizinischen Fernbehandlung und meldet sich bei Rückfragen schriftlich zurück.

Quellen (35)

FAQ

Häufige Fragen zu Cannabis bei Spastik und Muskelverspannungen

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Weitere Infos

Medizinischer Haftungsausschluss

Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der Information und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die zitierten Studien beschreiben den aktuellen Stand der Forschung, nicht das individuelle Ansprechen einer bestimmten Patient:in. Eine cannabisbasierte Therapie kommt nur nach individueller ärztlicher Prüfung und Verordnung in Betracht. Bei akuten oder anhaltenden Beschwerden wende dich an deine Ärzt:in oder Apotheker:in.